Irish Life Centre

Das Irish Life Centre (Irish Life-Zentrum) ist der wohl größte zusammenhängende Komplex in der Innenstadt von Dublin, aber seine vollständige Größe ist nicht sofort offenkundig. All seine Gebäude sind gleich gestaltet: im Erdgeschoß weite Rundbögen aus abgerundetem weißgrauen Beton, der über ihnen als horizontaler Streifen verläuft, vor den Geschossen vertikale Streifen aus dunkelbrauner Backsteinverkleidung und dunkel verspiegeltem Glas und nach einem weiteren horizontalen Betonstreifen ein abgeschrägtes Dachgeschoß mit grüner Kupferverkleidung.

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Der markanteste Teil des Irish Life Centre ist der Main Plaza (Hauptplatz). Er liegt am Ende der Lower Abbey Street und hat wegen des folgenden Bahnviadukts kein Gegenüber, so daß er, zumindest für die engen Verhältnisse einer britischen Stadt, von weither zu sehen ist. Hier sind die Gebäude in klassisch monumentaler Weise angeordnet. Links und rechts an der Straße stehen zwei sechsgeschossige Gebäude mit abgerundeten Ecken. Die Bögen im Erdgeschoß bilden Arkaden und die vertikale Struktur der Geschosse wird noch dadurch betont, daß die Fensterstreifen leicht vorgesetzt auf vorgesetzten Teilen des Betonstreifens verlaufen, während an den Ecken eckige Pflanzenwannen hervorragen. In der Mitte erhebt sich ein zehngeschossiges Hochhaus. Es gleicht den seitlichen Gebäuden, aber auf den Arkaden ist zuerst eine Terrasse, auf der es etwas zurückgesetzt auf weiteren Arkaden sitzt. Zudem hat es ganz oben zwischen Betonstreifen ein horizontal verglastes Geschoß.

Auf dem von diesen drei Gebäuden gebildeten Platz ist vorne ein großer Brunnen mit einer überlebensgroßen Bronzeplastik, die zwei nach vorne springende Pferde und einen stehenden Mann mit ausgestreckten, unsichtbare Zügeln haltenden Armen zeigt.

Im oberen flachen Becken steht auf einer Steinplatte im heraufsprudelnden Wasser die Plastik und nach vorne fällt das Waser in ein schmales, noch unter dem Straßenniveau liegendes Becken. So läßt das Wasser die Plastik erst schwerelos wirken und zeichnet dann ihre Bewegung nach. „Chariot of life“ (Streitwagen des Lebens) heißt dieses Werk von Oisin Kelly, was lachhaft pathetisch wäre, wenn es sich nicht auf den Namen der Versicherungsgesellschaft Irish Life bezöge.

Weiter links in der Lower Abbey Street sind dann einige ältere Gebäude, zwischen denen es zum Northumberland Square (Northumberland-Platz) geht.

Dreiseitig von sechsgeschossigen Gebäuden umschlossen, ist er ein viel zurückhaltenderer, vielfältigerer Platz. Es gibt einen breiten Durchgang zum Main Plaza, Blicke zu dessen Hochhaus sowie hinaus zu Liberty Hall, dem einzigen wirklichen Hochhaus Dublins. Sogar eine hierher zeigende Brandmauer eines älteren Gebäude der Salvation Army (Heilsarmee) wurde mit der dunkelbraunen Verkleidung überzogen, immer ein beliebtes Mittel, Disparates zu verbinden.

Geradeaus beginnt die Talbot Mall, eine recht niedrige und kleine Ladenpassage, in der noch alles nach den achtziger Jahren aussieht. Vorbei an einem verspiegelten Block mit künstlichen Felsen und Wasserfall führt sie zur Talbot Street.

In dieser bildet ein Gebäude des Irish Life Centre, erkennbar an den beschriebenen Formen, einen Teil der Blockrandbebauung, ohne daß der Eingang der Passage und damit zum Northumberland Square gleich sichtbar wäre.

Auf der linken Seite des Northumberland Square befindet sich der einzige sichtbar zu Wohnzwecken genutzte Teil des Irish Life Centre. Dadurch ist seine Struktur stärker in die Horizontale gezwungen. Der Beton bildet abgerundete Betone, das dunkle Glas oben abgeschrägte Flächen.

Von dem Platz führt eine breite Treppe durch die Gebäude zum links anschließenden Abbey Court Garden (Abbey Court-Garten). Er ist der versteckte Höhepunkt des Irish Life Centre. Ein rechteckiger Bereich zwischen fünf- bis siebengeschossigen Gebäuden, vor allem aber ganz wie der Name sagt: ein üppiger Garten.

Der Großteil der Fläche ist eingenommen von unregelmäßig eckigen Hochbeeten mit oft immergrünen, geradezu südlichen Pflanzen. Ihre Seiten bestehen aus dem braunen Stein, ihre Abschlüsse aus abgerundetem weißen Stein und manchmal steigen sie in zwei Stufen an. In der Mitte teilt ein pavillonartiger Flachbau, der fast nur aus Arkaden besteht, den Garten. Über dem unregelmäßig vorragenden Beton seiner Ränder erheben sich in Stufen noch größere Beete mit noch größeren Pflanzen. Der Pavillon, in dem Büro- oder Konferenzräume sein mögen, wird zu einem tropischen Felsen, auf dem das Grün wuchert oder von dem es herabhängt.

Eingefügt in diese Beetlandschaft sind Brunnenbecken und die zeltförmigen Glasdächer von Räumen im Erdgeschoß, die ihrerseits wie Wasserbecken wirken.

Wiewohl noch mitten in der Stadt, wiewohl umgeben von vielen Büros und einigen Wohnungen, fühlt man sich versetzt in einen Dschungel und man würde sich nicht wundern, statt der Möwen bunte Papageien zu sehen. Es ist dabei ein wohlgeordneter Dschungel, strukturiert von der Architektur. Hier ist das Leben in Irish Life.

Als genüge die Pracht des Gartens noch nicht, leistet sich das Irish Life Centre hier noch ein architektonisches Element von verschwenderischer Schönheit: einen gläsernen Laubengang.

Auf braunen Metallstützen halten kupferverkleidete Streben große Glasplatten und man kann für ein Stück Wegs geschützt vor den Elementen, aber mit ungehinderter Sicht durch den Garten wandeln.

Vom Abbey Court Garden führt schließlich ein kleiner Durchgang mit Treppe und Rolltreppe zurück zur Lower Abbey Street.

An der Ecke steht ein älteres Gebäude und in der querenden Marlborough Street bilden die Gebäude wieder wie in der Talbot Street Teile der Blockrandbebauung.

Was vom Irish Life Centre zu halten ist, ist gar nicht so einfach zu sagen. Die Fassadengestaltung ist eindeutig um Monumentalität bemüht, aber noch nicht geradezu um Überwältigung des Menschen. Die geschaffenen städtischen Räume reichen vom Schlimmsten zum Besten. Ist der Main Plaza monumental auf eine Art, die auch dem Faschismus gefiele, und eindeutig von der reaktionären sogenannten Postmoderne beeinflußt, so ist der Northumberland Square ein schlichter und angenehmer Platz. Der Abbey Court Garten schließlich ist in seiner harmonischen Verbindung von Architektur und Natur ein durchaus fortschrittlicher Raum. Entscheidend ist aber, wie sehr das Irish Life Centre der alten Stadt etwas Neues entgegensetzt. Blickt man vom Zugang in der Lower Gardiner Street durch zwei Durchgänge und über zwei Plätze zur in den Garten führenden Treppe, so hat man einen zusammenhängenden Bereich ohne Straße vor sich, wie es ihn sonst in Dublin einfach nicht gibt.

Viel ist das nicht, es ist nicht der Barbican, wie Dublin nicht London ist, aber es ist etwas.

Alle Kritik relativiert sich zudem, wenn man einen direkt gegenüberliegenden Eckbau, ebenfalls von Irish Life, betrachtet.

Neben diesem Machwerk, das von der unmenschlichen Monumentalität über die Vulgarität der Steinverkleidung bis zu seiner Lage, die den Blick auf Liberty Hall verstellt, durch und durch reaktionär ist, wirkt auch das Schlimmste am Irish Life Centre gut. Es stammt aus einer Zwischenzeit, noch aus fortschrittlichen Ideen schöpfend, schon von reaktionären beeinflußt. Nachdem es 1985 eröffnet wurde, kam nichts mehr. So eigenartig das also ist: das Irish Life Centre ist der wichtigste Ansatz für eine neue Art von Stadt in Dublin.

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Ein Gedanke zu „Irish Life Centre

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