Die Partei ist eine Frau

Die Stadt Brandenburg im Bezirk Potsdam empfing ihre Besucher als sozialistische Industriestadt. Gleich beim Bahnhof, jenseits einer Straße mit Straßenbahnhaltestelle, stand ein sechsgeschossiges Wohngebäude mit dem Werk „Brandenburg – eine neue und eine alte Stadt“ von Emil Spieß, das eine gesamte Wand bei seiner Ecke einnahm.

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Während im Beton eine bewegte, fast comicartige Stadtszenerie in Rot, Schwarz und Grau zu sehen ist, zeigt die im oberen Teil angeordnete Mosaikfläche im Mittelpunkt in umso leuchtender Farbigkeit eine Frau mit rotem Haare und rotem Blumenstrauß im Arm, die an den Schalthebeln eines Industriebetriebs steht. Sie ist umgeben von Arbeitern in wiederum viel gedeckteren Farben, vielen Braun- und Rottönen. Der im Profil gezeigte Arbeiter rechts von ihr hat den Arm entspannt auf das Schaltpult gestützt und blickt mit einem selbstbewußten Lächeln zur Frau, ein Ausdruck von Coolness, wie er im sozialistischen Realismus selten ist. Der Arbeiter links von ihr, der, je nachdem, ob man das, was er trägt eine Schweißerbrille oder einen Helm nennen will, auch ein Kosmonaut sein könnte, scheint sich geradezu im Sprung zu befinden, sein Bein und beide seiner geballten Fäuste ragen schon aus der Bildfläche heraus. Auch der weitere Arbeiter ganz links hat den wiederum lächelnden Blick nach oben gerichtet. Und im Hintergrund, kaum sichtbar zwischen dem Kopf der Frau und der linken Figur, ist die Masse der Arbeiter, aus denen diese klaren Individuen herausgewachsen sind.

Im Mittelpunkt aber ist die Frau, ihr Körper stark und in Grün-, Gelb-, Weiß- und Rottönen, ihr Gesicht hell und so selbstbewußt wie ernst, ihr mittellanges Haar von so strahlendem Rot wie die Blumen in ihrer Hand. Sie ist Arbeiterin, aber sie ist auch eine Allegorie der Partei. Sie ist Summe dessen, was sie umgibt, der klassenbewußten und siegreichen Arbeiterschaft, und ihr obliegt die ernste Aufgabe der Leitung und Steuerung einer ganzen Gesellschaft.

Kaum passierte man die Ecke des Gebäudes, trat man in trübe Vorstadtstraßen mit dreigeschossigen Mietskasernen, aber die Farben, das Licht, die Stärke des Mosaiks, das die sozialistische Gesellschaft darstellt, blieben auch in diesen vom Kapitalismus hinterlassenen Gegenden bei einem. Sie bleiben sogar noch, nachdem das Gebäude abgerissen wurde, das Mosaik nunmehr in verstümmelter Form bei einem Museum zu sehen ist (immerhin) und vor allem der Sozialismus fehlt.

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