Nachruf auf einen McDonald’s

McDonald’s kam erst mit dem Kapitalismus nach Polen. Es hätte anders sein sollen, der Sozialismus hätte zu McDonald’s kommen und ihn in die ganze Welt hinaustragen sollen. Was hätte schließlich besser gepaßt als das standardisierte massengefertige Essen eines VEB McDonald’s? Aber so war es nicht und ausgerechnet McDonald’s kam als Symbol des Kapitalismus in die ehemals sozialistischen Staaten.

In Polen hatte er es nicht gar so eilig, erst 1992 eröffnete die erste Filiale. Die Bilder von ihrer sehr polnischen Eröffnung mit segnenden Priestern kursieren heute im Internet und letztes Jahr wurde das fünfundzwanzigste Jubiläum gefeiert, „super tu być“, lautete der Slogan, „super, hier zu sein“.

In Gdańsk ist McDonald’s seit 1993, als im Bahnhof die erste Filiale entstand. Kurz darauf, 1994, folgte eine zweite, nicht gleichfalls im Zentrum, aber auch nicht am Rande, sondern in Wrzeszcz, ziemlich in der Mitte des langgestreckten Stadtköpers, nahe der Aleja Grunwaldzka, der wichtigsten Verkehrsachse der Trójmiasto. Dieser zweite Gdańsker McDonald’s hatte ebenfalls kein eigens errichtetes Gebäude, sondern zog in ein zweigeschossiges und mehr zufällig freistehendes Backsteinhaus, das er mit gläsernen Vorbauten seinen Bedürfnissen anpaßte.

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Die Jahre vergingen, der McDonald’s wurde Teil der Stadt, er war der Ort erster Dates und vieler anderer Ereignisse in vieler Menschen Leben. Die Umgebung veränderte sich, das Einkaufszentrum Manhattan und eine abgeschottete teure Wohnhochhausanlage entstanden daneben. Inzwischen gab es viele weitere McDonald’s-Filialen, in den Wohngebieten Morena und Przymorze, in den Einkaufszentren und anderswo an der Grunwaldzka, wo sie besser mit dem Auto zu erreichen waren. Im Jahre 2013 dann wurde der zweite McDonald’s von Gdańsk geschlossen. Ein paar Jahre stand das Gebäude leer, nur noch Spuren erinnerten an seine Geschichte.

Im letzten Jahr erst zog eine Filiale eines Warschauer Restaurants dort ein: „Aïoli – Inspired by Gdańsk“.

Der Wechsel von McDonald’s zum hippen Restaurant zeigt die Entwicklung des Kapitalismus in Polen. 1992 war Polen dank den Jahren des Sozialismus noch eine Gesellschaft ohne größere Klassenunterschiede. McDonald’s paßte dazu. Sein egalitäres Essen war die Art von bescheidenem Luxus und Internationalität, die die ersten, die es sich leisten konnten, wollten. Inzwischen haben sich die Klassen wieder stärker differenziert und es gibt eine prekäre Mittelschicht, die um Distinktion bemüht ist. Ihr ist McDonald’s, der wohlgemerkt nach wie vor nicht bilig ist, zu vulgär, sie will etwas anderes und kriegt die Filiale eines anderen Restaurants.

McDonald’s war nie „inspired by Gdańsk“ (inspiriert von Gdańsk), sondern dort genauso wie überall sonst – das war das Schöne an McDonald’s. Die Zukunft gehört auf absehbare Zeit den „Aïolis“ der Welt.

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