Das sozialistische Kladno: Wohngebiet Sítná

Das Wohngebiet Sítná in Kladno liegt beim Sítenské údolí (Sítná-Tal), das ein Stück südlich der Altstadt in den Hügel schneidet. Die entscheidende städtebauliche Tat war es, über das Tal eine Brücke zu spannen. Während oben auf mächtigen Betonstützen der Autoverkehr fließt, wurde das Tal als Park gestaltet. Jenseits der Brücke und oberhalb des Parks erstreckt sich das Wohngebiet.

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Es ist nicht besonders groß und besteht aus zwei Teilen, die durch die von der Brücke kommende Straße getrennt sind. Links sind an den Rändern, auch gleich einer Skyline am Hügelrand, Punkthäuser mit bis zu elf Geschossen und ansonsten fünf- und achtgeschossige Gebäude in Zeilenbauweise.

Rechts sind am Hügelrand quer aufgereihte siebengeschossige Gebäude und ansonsten bis zu neungeschossige Gebäude, die weite Höfe bilden.

So ist das Wohngebiet Sítná nicht nur nicht besonders groß, sondern auch einfach nichts Besonderes. Gute Lage, typische Architektur, reizvolle landschaftliche Einordnung – Durchschnitt für ein ab Mitte der sechziger Jahre errichtetes Wohngebiet der Tschechoslowakei. Es hat jedoch ein großes Zentrum, das beinahe wichtiger ist als die Wohnbebauung.

Der Náměstí Sítná (Sítná-Platz), wie dieses Zentrum heißt, liegt rechts der Straße und beginnt direkt hinter der Brücke mit dem elfgeschossigen Bau des Hotel Kladno. Wie schon der stolze Name sagt, ist es eines jener Hotels, wie sie sich jede sozialistische Stadt, die etwas auf sich hielt, in den Sechzigern, Siebzigern baute. An den Schmalseiten hat es eine Verkleidung aus kleinen quadratischen Kacheln mit leichtem Grünstich, während die zur Straße und ins Wohngebiet zeigenden Breitseiten in Balkone mit milchigen Geländern aufgelöst sind. Mit seinem Namen in roter Leuchtschrift vervollständigt es die Skyline von Sítná.

Das Bettenhaus sitzt auf einem langen zweigeschossigen Sockel, der sich ein kurzes Stück zur Straße und ein langes Stück ins Wohngebiet erstreckt. Sein zweites Geschoß ragt dabei deutlich über das Erdgeschoß hervor und hat zwischen der grauen Kachelverkleidung ein hohes durchgehendes Fensterband. Zur Straße hin ist unten der Eingang ins Hotelfoyer und oben das Restaurant. Zum Platz hin ist unten eine Kneipe, zu der man auch vom Foyer gelangt, während sich oben das Restaurant fortsetzt.

Das sind die typischen Einrichtungen eines Hotels, doch der weitere Teil des Sockels richtet sich ganz an das Wohngebiet. Hier ist im Inneren ein langgestreckter, eher schmaler Hof mit umlaufender Galerie, über den sich heute ein Glasdach spannt. Neben den Konferenzräumen des Hotels gibt es die verschiedensten Läden. Das Restaurant im Obergeschoß wie die Kneipe im Erdgeschoß haben dadurch große Fensterflächen sowohl in den Hof als auch hinaus auf den Platz.

Das Rückgrat des Náměstí Sítná bildet ein langes siebengeschossiges Wohngebäude parallel zur Straße, das nach einer Erschließungsstraße noch deutlich vor dem Abschluß das Hotelsockels beginnt. Seiner herausgehobenen Lage entsprechend sind in dem Gebäude Maisonettewohnungen, was auch daran zu erkennen ist, daß es abwechselnd in einem Stockwerk durchgehende Balkone und im nächsten kleine Balkone neben Wandflächen mit Fenstern hat. Bis weit vor sein Erdgeschoß reicht eine Ladenzeile, in der unter anderem eine Kaufhalle ist.

Die davorliegende eigentliche Platzfläche ist halb von Parkplätzen und halb von Grünanlagen eingenommen.

In der folgenden Ecke des Platzes steht das Dům Kultury (Kulturhaus). Es ist ein großer quadratischer Bau mit etwa drei Geschossen. Im Erdgeschoß sind Restaurants, Läden, Kneipen und die Eingänge zu Veranstaltungsräumen und dem Kino Hutník (Hüttenarbeiter), wohingegen die Obergeschosse sich teils mit den großen Glasflächen der Säle öffnen und teils mit einer Verkleidung aus kleinen quadratischen grünen Kacheln verschließen.

Das Dům Kultury ist ein Gebäude, das kein Hinten und Vorne kennt, sondern sich mit allen vier Seiten ganz der Umgebung zuwendet, ob nun dem Platz, dem Wohngebiet oder sogar den Einfamilienhäusern jenseits der nächsten Querstraße.

Der Abschluß des Náměstí Sítná ist wiederum ein elfgeschossiges Gebäude, in dem heute eine Fakultät einer Prager Hochschule sitzt. Es steht quer zur Straße, so daß seine vertikal strukturierten Breitseiten zum Platz und von ihm weg zeigen. Die Obergeschosse ragen von dünnen schrägen Stützen getragen etwas über das Erdgeschoß hinaus. Auch dieses Punkthochhaus hat einen Sockel, der rückwärtig, dem Platz abgewandt, aus schlichten Flachbauten besteht. Vorne, zum Platz hin, ist eine niedrige Terrassenebene, auf der man rechts zu den Eingängen kommt, während links ein flacher Trakt die Verbindung zum vorgesetzten Hörsaalgebäude schafft. Nach all der zurückhaltenden sachlichen Architektur, die den Platz prägt, entfaltet er hier seine Schwingen: Die mit braunem Metall verkleideten Dächer über den beiden vorne verglasten Hörsälen steigen nach links länger und flacher, nach rechts kürzer und steiler an und legen sich dabei in spitze Falten, die so auch an ihren Seiten nach unten führen.

Es ist diese ganz und gar nicht beliebige, aber äußerst expressive Form, die dem Platz seinen unverwechselbaren Charakter gibt. Seine Lage ist dabei perfekt gewählt, denn man sieht die aufsteigenden Dächer bereits von Weitem, wenn man von der Altstadt her die große Straße entlangkommt. Durch die leichte Wendung der Straße bildet sie links neben dem Hotel die optische Mitte des Wohngebiets.

Und auch, wenn man von der anderen Seite die Straße entlangkommt, sieht man das höhere der Dächer vor sich wachsen.

Daß der Hörsaalbau wie ein Mittel- und Angelpunkt wirkt, ist durchaus kein Zufall. Der Náměstí Sítná nämlich ist ein Zentrum nicht nur für sein, wie gesagt nicht besonders großes und nicht besonderes, Wohngebiet, sondern für die ganze Stadt. Es liegt etwa auf halbem Wege zwischen der Altstadt und dem größten Wohngebiet Kročehlavy, doch auch in andere Teile der Stadt ist es nicht weit. Von nirgendwo kann man ganz Kladno besser überblicken als gerade von Sítná. Von der Brücke aus oder aus einem der oberen Geschosse vieler Gebäude öffnet sich ein Blick über den Park und über die Arbeiterhäuser auf die weite Industrielandschaft, die heute von den Kühltürmen des Kraftwerks dominiert wird.

Mit dem Náměstí Sítná wurde bewußt ein zweites, ein neues, ein sozialistisches Zentrum für Kladno geschaffen, in dem deshalb auch gesamtstädtisch bedeutsame Einrichtungen sind. Neben dem Hotel und dem Kulturhaus war das auch das OV KSČ (Okresní výbor Komunistické strany Československa – Kreiskomitee der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei), das in dem zweiten Hochhaus saß. Vor ihm wäre der angemessene Ort für das Denkmal für Antonín Zápotocký, den aus Kladno stammenden zweiten kommunistischen Präsidenten der Tschechoslowakei, gewesen, doch das Gebäude wurde erst 1987 fertiggestellt, während das Denkmal bereits seit 1971 vor einem stalinistischen Ensemble weiter stadteinwärts stand. Dank dem Hörsaalbau setzte sich die Partei dennoch auf subtile Art in die Mitte der unter ihrer Leitung erbauten neuen Stadt. Kurz vor dem Ende vollendete sie das Wohngebiet.

Leider muß der Náměstí Sítná als zweites Zentrum auch darüber hinwegtrösten, daß es der Kladnoer Stadtplanung nie gelang, näher an der Altstadt etwas Überzeugendes zu schaffen. Es gibt dort bloß einige Gebäude, die zwar kaum historistisch, aber doch als Blockrandbebauung eine Straße rahmen, und einen viel zu weiten Bereich, um den neungeschossige Gebäude wie Mauern stehen. Fern ist die fortschrittliche Kühnheit anderer Stadtzentren.

Auch der Náměstí Sítná ist nicht perfekt und er hatte ja auch nie den Anspruch, das alte Zentrum völlig zu ersetzen. Wie so oft ist die Straße das Problem, zu groß, zu wenig eingedämmt.

Es gibt eine Unterführung, die aber trotz all dem zur Verfügung stehenden Raum nur steile, statt der notwendigen flachen Zugänge hat. So bleibt der Platz zu fern von der Hälfte gerade seines Wohngebiets. Doch viel wichtiger als seine Mängel ist, was das Wohngebiet Sítná und sein Platz erreichen. Nirgendwo anders hat man so viel Kladno auf einmal wie hier über dem Sítenské údolí.