Das sozialistische Kladno: Widerwilliger Stalinismus

Kladno hat einige der eigenartigsten Bauwerke der ganzen Tschechoslowakei. Es sind Hochhäuser und so, „věžáky“, heißen sie auch umgangssprachlich, ohne das näher gesagt werden müßte, um welche es geht, da sie in den Fünfzigern die ersten in der Stadt waren und bis heute zumindest die höchsten blieben. Sechs von ihnen stehen aufgereiht in der Straße Vítězná im Stadtteil Rozdělov.

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979 (Bilder zum Vergrößern anklicken)

Sie bestehen aus einem dreizehngeschossigen Teil quer zur Straße, an den hinten zu beiden Seiten elfgeschossige Teile anschließen. Was an der mit braunem Putz und hellen rötlichen Kacheln gestalteten Fassade auffällt, ist, daß alles an ihr vertikal ist. Die Fenster sind immer durch vertikale Streifen voneinander getrennt. An der Vorderseite sind zwischen Kachelflächen außen und pro Geschoß zwei Fenstern in der Mitte tiefe Furchen, deren Vertikalität auch durch kleine Balkone in jedem zweiten Geschoß nicht vermindert wird.

Es ist eine offenkundig stalinistische Architektur, aber eine sehr eigenartige. Alle Details passen dazu: Die ersten beiden Geschosse bilden einen Sockel mit Steinstruktur, die Balkone haben als Geländer eine Art Sonnenradform aus Beton, unter den Dächern sind vorstehende Gesimse und auf ihnen sind Geländer mit dicken Streben. Alles an den Hochhäuser will monumental sein, will überwältigen. Dennoch ist irgendetwas anders als bei anderer stalinistischer Architektur. Das Vertikale und die Formen evozieren zwar irgendetwas Historisches, aber keinen bestimmten Stil. Es gibt keine Ornamente, Skulpturen oder auch nur Säulen. Vor den Eingängen sind niedrige Vordächer mit Kassettendecke, deren Stützen über ihnen fortgesetzt und zu stilisierten Torbögen verbunden sind, doch die bemühte Monumentalität bleibt wirkungslos, da es keinen Grund gibt, je von vorne, von der Straße auf die Gebäude zuzukommen.

Wenn ausgerechnet die kleinen Höfe beidseits der Gebäude, die nur der Müllabfuhr oder Anlieferung dienen, die moumentalsten Portale aus Stützen und verbindenden Streben haben, wirkt das beinahe karikierend.

Vielleicht ist das Eigenartige an den Hochhäusern von Kladno, daß sie so leicht auch ganz anders aussehen könnten. Bei anderen stalinistischen Hochhäusern, etwa dem Pałac Kultury (Kulturpalast) in Warschau, verjüngen sich die massigen Baukörper nach oben hin und auch mit einer völlig anderen Fassade würden sie letztlich stalinistisch bleiben. Die Kladnoer Hochhäuer wären mit einer anderen Fassade nicht mehr von der fortschrittlichen Architektur ihrer Entstehungszeit zu unterscheiden. Die stalinistischen Formen gehören nicht zu ihrem Wesen, sie haben sie nur widerwillig angenommen. Schon ihre straßenabgewandte Seite wirkt mit längeren Balkonen und recht langen horizontalen Fenstern viel weniger monumental, so sehr sich auch vorragende kachelverkleidete Streben um Vertikalität bemühen.

Auch städtebaulich ist dieser Teil Kladnos weit entfernt von den durchgängig bebauten Straßenzügen, die die stalinistischen Teile von Ostrava-Poruba oder der Berliner Stalinallee auszeichnen. Zwischen den Hochhäusern stehen dreigeschossige Gebäude in ähnlichen, aber ebenfalls horizontaleren Formen, die im Erdgeschoß Läden oder Restaurants haben und in den Obergeschossen Wohnungen.

Dieses Modell, freistehende Punkthochhäuser und Ladenpavillons entlang einer Straße, ist so vertraut, so grundlegend für den fortschrittlichen Städtebau, daß die hier darübergegossenen stalinistischen Formen einen geradezu surrealen Eindruck erwecken können.

Nun könnte man sich leicht verleitet fühlen, im Widerwillen, mit dem hier die stalinistische Architektur angenommen wurde, einen Entsprechung des Widerwillens, mit dem die Tschechoslowakei den politischen Stalinismus annahm, zu sehen, doch das wäre falsch. Zum einen galt gleiches für alle Volksdemokratien, zum anderen baute auch die Tschechoslowakei viel konventioneller Stalinistisches. Eher sind die Kladnoer Hochhäuser schon Produkte einer Zwischenzeit; als sie 1958 fertiggestellt waren, war die stalinistische Architekturdoktrin bereits verworfen.

Auch das weitere Wohngebiet tut das Seinige, um zu zeigen, welch eine Sackgasse die Hochhäuser waren. In den paar Straßen hinter ihnen sind einige viergeschossige Gebäude mit Walmdach, an die jeweils quer fünfgeschossige mit flacherem Dach anschließen. Sie benutzen den braunen Putz und die hellen rötlichen Kacheln ganz ostentativ gegen die Hochhäuser: an einer ihrer Schmalseiten haben sie Balkone mit zur Hälfte kachelverkleideten, zur Hälfte stahlstrebigen Geländern, die durch mal links, mal rechts angeordnete Wände so verbunden sind, daß sie eckige Schlangenlinien auf die Fassade malen. Von Monumentalität ist hier keine Spur mehr.

Das Zentrum des Wohngebiets, ein kleiner rechteckiger Platz, öffnet sich zwischen den letzten beiden stadtauswärts gelegenen Hochhäusern. An seiner rechten Seite steht zuerst ein dreigeschossiges Kaufhaus in den Formen der Hochhäuser, das seltene Beispiel eines stalinistischen Kaufhauses also.

Ansonsten ist der Platz von drei fünfgeschossigen fortschrittlichen Wohngebäuden geprägt, wobei das an der linken Seite mit seiner flachen Ladenzeile den entscheidenden Rahmen bildet und auch ein gewisses Gegengewicht zum Kaufhaus ist.

Es ist der linke Abschluß den Platzes, während die Ladenzeile bis weit in ihn hineinragt und zu seinem rückwärtigen Abschluß wird. Zugleich führt ein Durchgang weiter ins Wohngebiet. Das Gebäude hatte einstmals sogar eine Farbgebung, die großzügig auf die der Hochhäuser Bezug nahm. Die ist verschwunden, genauso wie die Sandsteinskulptur in der Platzmitte, eine leicht abstrahiert eine Familie zeigte, genauso wie die gesamte Platzgestaltung.

Aus Autorenkollektiv: Československo, Praha/Bratislava 1988

Die Hochhäuser aber stehen weiterhin, seit sechzig Jahren wie unverändert. Sie wirken heute so eigenartig wie damals. Aber bei aller Eigenartigkeit ist das Wohngebiet Rozdělov doch auch im besten Sinne normal und war in allem außer den monumentalen Formen seiner Hochhäuser ein wertvolles Vorbild für die weitere architektonische Entwicklung der Tschechoslowakei.

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