Erkundungen auf Friedhöfen: Sprachen in Kynšperk

Der Friedhof des Städtchens Kynšperk nad Ohří unweit von Cheb ist recht deutlich zweigeteilt. Der ältere Teil direkt hinter dem Tor ist deutsch, da die Bevölkerungsmehrheit bis 1945/46 deutsch war.

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Obwohl das nicht mehr so ist und es das Königsberg, von dem manche der Steine sprechen, nicht mehr gibt, ist er keineswegs verwahrlost. Auch ganz hinten, wo viele Steine umgefallen oder mit Efeu bewachsen sind, ist sein Zustand immer noch viel besser als der des örtlichen jüdischen Friedhofs, der 1938 von ebendiesen Kynšperker Deutschen verwüstet worden war und den zu pflegen niemand übrig blieb.

Das ist mit dem deutschen Teil des Friedhofs auch deshalb anders, weil nach dem Krieg durchaus nicht alle Deutschen ausgesiedelt wurden. Einige konnten bleiben, entweder, weil sie Widerstand geleistet hatten und der Tschechoslowakei treu geblieben waren, oder, häufiger, weil sie in wichtigen Industriebetrieben gebraucht wurden. Die Bestattungen brachen daher 1945 nicht einfach ab.

Der andere Teil weiter links ist tschechisch. Die Gräber sind allesamt neuer und sehen auch anders aus. Oft gibt es hier Grabsteine in der Form kleiner Vitrinen mit Glastüren, hinter denen die Urnen der Verstorbenen stehen.

Neben Kreuzen sieht man nun auch hussitische Kelche. An den Friedhofsmauern sind oft Kolumbarien, ein weiterer Ausdruck des antikatholischen tschechoslowakischen Faibles für Feuerbestattung.

Zu den tschechischen Namen kommen hier manchmal slowakische und ungarische, da viele der Siedler in den ehemals deutschen Teilen des Landes aus der Slowakei stammten. So kam es, daß noch 1960 ein Grab in Kynšperk ungarisch beschriftet wurde, allerdings auch nur halb, da die Monatsnamen tschechisch sind.

Sicherlich auch den Wirren des Kriegs geschuldet, aber nicht mehr einfach zu erklären ist das Grab des 1958 verstorbenen Alexander Michailow mit russischer Inschrift.

Auch die neueren deutschen Gräber setzen nicht einfach das Vorangegangene fort, sondern zeigen die Einflüsse der tschechischen Umwelt. So deutsch etwa der röhrende Hirsch und der Vorname Horst auf einem Grab sind – der Nachname lautet tschechisch Šašek.

Obwohl auf einem anderen Grab sonst alles deutsch geschrieben ist und sogar als Herkunft Klingen, ein heute nur noch schwer aufspürbarer Ortsteil von Kynšperk, genannt ist – die Berufsbezeichnung „Mechanisátor“ ist tschechisch, weil die Familie nicht gewußt hätte, wie sie einen für die Maschinen einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft verantwortlichen Techniker auf Deutsch hätte nennen sollen.

Das Grab des Erhard Wilfer schließlich ist teils auf Tschechisch und teils auf Deutsch beschriftet. Oben sind tschechische Verse, wie man sie in den Katalogen von Bestattungsunternehmen auswählen kann, unten steht: „Hier ruht in Gott unser innigst geliebter Sohn Erhard. Wir werden Dich nie vergessen!“

Für sich genommen sind die beiden Inschriften dieses Grabsteins gleichermaßen konventionell, aber zusammen werden sie durch ihre unterschiedlichen Sprachen einzigartig.

Heute ist Kynšperk nad Ohří denn eine tschechische Stadt und auch diejenigen ihrer Bewohner, deren Vorfahren deutsch oder was auch immer sprachen, sind bohemisiert. Ihnen geschah, was mit dem Namen der Stadt geschah. Neben dem alten Namen Königsberg kann Kynšperk leicht als Verhöhnung erscheinen. Vielleicht aber entspricht die Schreibweise genau dem, wie die örtlichen Deutschen ihren Ort aussprachen – Kinschperk. Vielleicht wurde der Name weniger bohemisiert als in der Orthographie dem Kynšperker Dialekt angepaßt. Zumindest der Stadtname verbände dann die beiden Teile und beiden wichtigsten Sprachen dieses Friedhofs – und das unbemerkt von den Sprechern der einen wie der anderen Sprache.

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