Beim Blick über Hammelburg

Wenn man vom Baderturm, einem der drei erhaltenen Türme der ehemaligen Stadtmauer, über Hammelburg schaut, sieht man ein Häusermeer, aus dem einige Kirchtürme, der Treppengiebel des Rathauses, die Dächer des Schlosses herausragen – und die gelbe Brandmauer eines Eckbaus in der Kissinger Straße.

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Diese Brandmauer, das ist der Kapitalismus. Er ist es, der das Maß der trotz allen Veränderungen und Bränden noch mittelalterlichen Stadtstruktur rüde durchbricht. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, denn deren Maß kann nicht mehr das unsrige sein. Aber es ist ist wohlgemerkt keine irgendwie fortschrittliche Architektur, mit der er das tut. Es ist kein Hochhaus, keine die alte zerbrechende Stadtplanung, sondern ein von Nahem nicht einmal bemerkenswerter oder bemerkbarer Teil der Blockrandbebauung.

Der Kapitalismus bringt Hammelburg nicht das gute Neue, sondern das Schlechteste der Großstädtischkeit, die Brandmauer.

Daß es etwas Neues gibt, auch in Hammelburg – der Blick vom Turm verrät es nicht. Dabei könnte es anders sein. Der sozialstaatliche westdeutsche Kapitalismus kam auch in der unterfränkischen Provinz nicht umhin, „so zu tun, als sei er keiner“ (Ronald M. Schernikau) und baute unter Verwendung fortschrittlicher städtebaulicher Konzepte drei Siedlungen.

Eine von ihnen liegt im Südosten der Stadt direkt hinter dem Friedhof. Schon die Straßennamen sind westdeutsche Ideologie en miniature: Adolf-Kolping (irgendwie sozial, definitiv christlich), Kant (Ostpreußen), Eichendorff (Schlesien) und Adalbert-Stifter („Sudetenland“).

Am Rand sind zweigeschossige Doppelhäuser mit Satteldach, im Hauptteil locker aufgereiht um offene Grünanlagen erst zweigeschossige, dann dreigeschossige Gebäude mit Satteldach und in der Mitte als vertikale Dominante ein siebengeschossiges Punkthaus – mit Satteldach.

Wenig überraschenderweise befindet sich Hammelburg damit tief im konservativen Spektrum der westdeutschen Nachkriegsarchitektur. Etwas Neues, in der ganzen Stadtgeschichte nie Dagewesenes ist die Offenheit und Großzügigkeit der Siedlung dennoch.

Diese Siedlung könnte man beim Blick vom Baderturm sehen, ja, man sieht das Dach des Punkthauses sogar (im obigen Bild weit links), aber man bemerkt es nicht, da es gleichsam mit den Dächern der höhergelegenen Altstadt verschmilzt. Und das, das ist das Problem. Das ist falschverstandener Respekt vor dem Alten. Eine selbstbewußte fortschrittliche Architektur würde sich nicht scheuen, sich mit einem doppelt, dreifach so hohen Punkthochhaus in wirklich neuen Formen in das Panorama Hammelburgs einzubringen.

Doch der Kapitalismus kennt keinen Respekt. Wo fortschrittliche Architektur, die in ihrer Konsequenz über den Kapitalismus hinausweist, dem Alten etwas Neues zur Seite stellen würde, da errichtet er nur eine Brandmauer.

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