Das kapitalistische Kladno

Der Grundstein von Kladno war keiner der Steine, mit denen das erste Gebäude des mittelböhmischen Städtchens irgendwann vor 1318 erbaut wurde, sondern eher einer der Steinkohlebrocken, die sich in der Umgebung seit jeher fanden. Als Anfang des 19. Jahrhunderts die wirtschaftliche Bedeutung der Kohle erkannt wurde, kam es zu einem wahren Gold-, das heißt Kohlerausch, in dem die verschiedensten Gestalten, erfahrene Bergleute wie Abenteurer, ihr Glück versuchten. Es war Jan Váňa (auch: Johann Wania), der am 1. November 1846 das erste ergiebige Flöz fand und damit den eigentlichen Grundstein für Kladnos moderne Geschichte legte. Aus der Provinzstadt bei Prag wurde im rasenden Tempo eine Industriestadt und Stadt der Arbeiterbewegung.

Kladno entstand als kapitalistische Stadt, spontan, wild, planlos. Unten im Tal bei den Bergwerken und Fabriken breitete sich das Kladno der Arbeiterklasse aus, das allerdings aus Dörfern bestand, die lange nicht zur Stadt gehörten. Es sind weite Gegenden mit meist eingeschossigen vorstädtischen, im eigentlichen dörflichen Häuschen. Immer ein Geschoß längs der Straße, darauf ein Satteldach, dahinter, vielleicht, ein Gemüsegarten.

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Hier findet man in einer dann ins Industriegebiet auslaufenden Straße eine Gedenktafel für die kommunistische Schriftstellerin Marie Majerová, die dort aufwuchs und in ihrem Roman „Siréna“ die Geschichte der Stadt beschrieb. Heute heißt die Straße nach ihr.

„In diesem Haus verlebte Nationalkünstlerin Marie Majerová ihre Kindheit und lernte die Welt der Berg- und Metallarbeiter kennen. Autorin von „Siréna“ [Die Sirene] und „Havířská baláda“ [Bergmannsballade].“

Oben auf dem Hügel war das Kladno des Bürgertums. Zwar waren die ersten Verwalter noch naiv genug gewesen waren, ihre Villen in der Nähe der Fabriken und Bergwerke zu bauen, aber bald kam es zur stadträumlichen Separation der sich stetig schärfer herausbildenden antagonistischen Klassen.

Das klingt so plakativ, daß man es für eine Karikatur halten kann, doch so war der Kapitalismus eben auch in Europa, bevor er gezwungen wurde, sich zu verstellen.

Das alte Kladno lag am Hang dazwischen, aber eher weiter von den Arbeitergegenden entfernt als von den bürgerlichen. Es ist ebenfalls karikaturhaft symbolisch, daß der zentrale Platz stark abschüssig ist. Alles, was irgendeinen architektonischen Wert hat, liegt abseits davon. Von Süden schaut aus der Straße Plukovníka Stříbrného ein ehemaliges Rathaus herein, ein schmaler und hoher klassizistischer Bau mit dorischen Pilastern im Erdgeschoß und schlankem achteckigen Uhrtürmchen.

In derselben Straße steht die Synagoge, die, wiewohl von 1884, unter ihrem neobarocken Schmuck einfach ein großzügig verglaster Saalbau ist.

Im Norden steht das Schloß, ein bescheidener dreiflügliger Barockbau am Rande des steil abfallenden Hangs mit zwei Geschossen und recht engem Hof.

Von hier aus wurde das Gut verwaltet, das vor der Erschließung der Kohle die Grundlage von Kladnos Wirtschaft war. Im Südwesten steht die Kaple svatého Floriána (Florianskapelle) , ein ganz südlich, italienisch wirkenden Rundbau mit vielfach ein- und vorgewölbter Fassade.

Den Platz selbst prägt jedoch, trotz einigen älteren Häusern und einer barocken Mariensäule, die neureiche Geschmacklosigkeit des späten 19. Jahrhunderts, die die Stadtherren ein Rathaus in Formen der Neorenaissance und eine Kirche in Formen der Neoromanik errichten ließen.

Aber die Stadt schon lange über ihr altes Zentrum hinausgewachsen.

Kladno war sich der Bedeutung der Steinkohle sehr bewußt und schon 1854 wurde ein großer Findling für Jan Váňas Entdeckung aufgestellt. Im Jahre 1954 setzte die nunmehr sozialistische nunmehrige Tschechoslowakei diesen Váňův kámen (Váňa-Stein) auf einen Sockel, auf dem außerdem noch zwei überlebensgroße Bronzeplastiken von Bergarbeitern aufgestellt wurden. Der Kumpel von 1854 mit Hacke und Öllampe reicht dem Kumpel von 1954 mit Preßlufthammer und Helmlampe über den Stein die Hand.

Ein Jahrhundert Kladnos, sein wichtigstes, das, in dem es wirklich entstand, ist so an zentralem Ort in einer Grünanlage oberhalb der Altstadt zusammengefaßt und die Menschen, die es ermöglichten, geehrt. Denn nicht der zufällige Finder des ersten Steins, sondern Generationen von Arbeitern schufen das heutige Kladno. Das Denkmal ist in dieser Form schon ein Grundstein für das sozialistische Kladno.

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