„Schau Leser hie ein Bild“

Barock und Memento Mori – das paßt gut zusammen. Dennoch kann die Stärke eines barocken Memento Mori, einer Erinnerung an Tod und Vergänglichkeit, beinahe überwältigen. Dieses in Bergen etwa:

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Es ist eine große rechteckige Platte aus Sandstein, die oben einen giebelartigen Abschluß aus einem großen halbrunden Bogen und zwei kleineren seitlichen Bögen hat. In der Giebelfläche ist das Relief einer Sanduhr mit Fledermausflügeln. Während die Flügel sich in die seitlichen Bögen ausbreiten, ragt die Sanduhr in den mittleren hinein, wo über ihr in dessen Rund die Worte „Weg, Eitelkeit“ stehen.

In der zentralen Fläche ist zuerst ein Text, bei dem die Umrisse der Buchstaben im Gegensatz zum erhabenen Relief flach in den Stein hineingearbeitet sind:

„Schau Leser hie ein Bild/wie Blumen bald vergehen/und wie die Wasserblas/kein Augenblick bestehen/erkenn hieran o Mensch/so flüchtig ist dein Leben/drumb trachte stets darnach/dich Jesu zu ergeben“

Darunter ist ein weiteres Relief: Eine menschliche Figur, vielleicht eine Frau, vielleicht ein Engel, die links auf einen Totenschädel gestützt dasitzt oder vielmehr gleichsam gemütlich hingelagert ist. Unter dem Schädel sind gekreuzte Knochen und im Hintergrund links ist eine Kugel mit Kreuz. Nach rechts hält die Figur etwas Längliches in der Hand, aus dem etwas Rundes kommt, während schon mehrere runde Formen darunter und darüber schweben. Dank dem Text erkennt man es als ein Röhrchen, aus dem Wasserblasen kommen. Sogar das Platzen der Blasen ist vielleicht dargestellt, indem zwei von ihnen als Halbkugeln vorragen, zwei andere aber kaum mehr als poröse Flächen sind.

Ist diese Seite des Steins allgemein, so wird die zweite äußerst konkret. Denn dieses Bergener Memento Mori stand nicht einfach irgendwo herum, dazu war der Barock doch zu pragmatisch, wenn auch auf heute schwer verständliche Weisen. Es ist vielmehr ein Grabstein, der bei der damals deutschen Mariakirken (Marienkirche) zwischen zumeist viel neueren und eisernen Grabsteinen steht.

Das Relief in der Giebelfläche zeigt hier ein lockiges Engelsgesicht mit Flügeln. Der Kopf ist im mittleren Bogen, während die Form der gefiederten Flügel genau in die der seitlichen Bögen eingepaßt ist

In der zentralen Fläche ist wiederum zuerst ein Text:

„Weil Jesus unser Bräutigam/uns Schwestern drey gar schön/ ge[?]iert: so folgen wir dem Gottes/Lamm: als seine Braut wie er uns/führt: aus dieser Wallefarts/kurtzen Zeit: zur freudenfollen/Ewigkeit“

Nach der Zeile, in der das Wort „Ewigkeit“ zentriert gesetzt ist, geht es weiter:

„Anna Elisabet Mestmachers gebohren/1702 den 3 Septemb. starb 1704 den 21/ May: Anna Mestmachers gebohren/1706 den 23 Septemb. starb 1707 den/18 Januar: Anna Mestmachers gebohren/1707 den 14. Decemb. Starb 1711/den 5 Augusti“

Das Relief darunter zeigt drei identische Mädchengestalten in langen Kleidern und mit Palmwedeln im Arm, wobei die mittlere am kleinsten, die linke etwas größer und die rechte am größten ist. Dank dem Text erkennt man in ihnen die drei als Kleinkinder verstorbenen Schwestern Mestmacher (das „s“ dürfte ein Genitiv sein), vielleicht in Hochzeitskleidern.

Das beinahe Überwältigende, Schockierende auch an diesem Grabstein ist wohl, daß er frei von jedem Zeichen von Trauer und gleichsam unpersönlich ist. Die Geschichte, die er erahnen läßt, ist dabei durchaus traurig und persönlich, wenn auch für die Zeit nicht ungewöhnlich. Man kann annehmen, daß es die Trauer über den Tod auch der dritten Anna, die endlich etwas älter zu werden schien, war, der die Eltern Mestmacher zur Errichtung des Grabsteins bewog. Die Texte aber zeigen nichts davon. Der eine ist ein Memento Mori, das allgemein von der Flüchtigkeit des Lebens spricht und diese zum Argument für den Glauben macht. Der zweite kleidet das schreckliche Ereignis des Todes der drei Kinder in das Bild ihrer Ehe mit Jesus, die sie in die „freudenfolle Ewigkeit“ führt. Es ist eine spezifisch protestantische barocke Stimmung, die aus diesen Texten sprecht.

Die Reliefs illustrieren die Worte einerseits nur, ergänzen sie aber auch. In den Giebelflächen ist der Gegensatz zwischen der Vergänglichkeit des Lebens und der Lösung in der Religion in die Bilder der Sanduhr mit den Fledermausflügeln und des Engelsgesichts mit den gefiederten Flügeln gefaßt. Die Flügel bestimmen dabei die Form des Abschlusses des Steins, so daß er beinahe selbst Flügel zu bekommen scheint.

Das Faszinierendste jedoch ist das Relief mit den Wasserblasen. War sie auch nicht so gemeint, so wirkt die Szene der halb liegenden, halb sitzenden Figur ganz friedlich, idyllisch gar. So schlimm scheint dieses wasserblasengleiche Leben nicht zu sein, zumal der Tod ja in doppeltem Sinne hinter ihr ist, einmal im Totenkopf und einmal in der anderen Seite des Steins. Man bekommt so zudem einen weiteren Einblick in die Entstehungszeit des Grabsteins: auch im frühen 18. Jahrhundert spielten Kinder schon mit Seifenblasen. Die Familie Mestmacher wollte von ihrem Verlust und ihren religiösen Ansichten, die diesen verwandelten, erzählen, aber sie erzählte ungewollt auch vom Alltag ihrer Zeit.

Nach all den Jahrhunderten erinnert dieses Memento Mori sogar im Bergener Regen eher an das Leben.

Werbeanzeigen