Das menschliche Maß in Erfurt

In ihren besten Momenten schuf die deutsche Renaissance Bauwerke von schlichter Perfektion, die noch immer als leuchtende Beispiele des menschlichen Maßes in den Städten stehen. Das Leipziger Rathaus ist so ein Bauwerk oder das Haus Dacheröden am Anger in Erfurt, um das es hier gehen soll.

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Es wendet der Straße eine recht lange Fassade mit drei Geschossen und einem hohen Walmdach zu. Neben zu Zweier- und Dreiergruppen angeordneten Fenstern hat sie links auf etwa zwei Fünfteln der Länge ein geschmücktes rundbögiges Tor, auf etwa drei Fünfteln der Länge einen im zweiten Geschoß beginnenden Erker, der als niedriger achteckiger Turm mit runder Haube vor dem Dach weiterläuft, und ganz rechts ein schmuckloses Tor. Zudem sind im Dach beidseits des Turms übereinander Dachgauben, erst drei, dann zwei, schließlich eine, so daß aufsteigende Dreiecksformen entstehen. Das erste Tor und der Erkerturm strukturieren die Fassade, ohne ihr eine hierarchische, monumentale Ordnung zu geben. Sie sind beide gleich wichtig, gleichen einander aus. Obwohl sie groß sind, bleiben sie vor dem viel größeren Körper des Hauses gleichsam zierlich. Blaue Muster im Ansatz des Erkers und vor allem um das Tor bilden in der aktuellen Gestaltung auch die einzigen farblichen Akzente auf dem weißen Putz.

Das Tor hat links und rechts ionische Pilaster, in denen Ranken aufsteigen, und als Abschluß ein zwischen Simsen abgesetztes horizontales Band. In den um den runden Bogen des Tors entstehenden Flächen sind weitere Rankenmuster und medaillonartige Kreisflächen mit Köpfen im zur Mitte zeigenden Profil, die laut den Inschriften Jesus und Paulus zeigen. In der Fortsetzung der Pilaster sind im abschließenden Band sitzende Figuren mit in den Arm gestützten Köpfen. Im Band selbst sind Ranken, aus denen zwei zur Mitte blickende männliche Gestalten meerjungfraugleich zu erwachsen scheinen, da sie erst ab dem Oberkörper gezeigt sind. Die linke ist bärtig und hält eine ausgerollte Schriftrolle mit einem Zeichen, die zweite ist bartlos und hält außer einer Schriftrolle auch ein erhobenes Schwert. In der Mitte ist ein hervorgehobenes Schriftfeld mit Zeilen aus dem 112. Psalm und der Jahreszahl 1557.

Das menschliche Maß des Hauses Dacheröden zeigt sich nicht nur daran, daß alle Elemente so perfekt abgestimmt und ausgewogen sind, daß sie den Betrachter nie bedrängen, es zeigt sich auch im Detail.

Aus Demme, Dieter u. Schneider, Wolfgang: Erfurt, Leipzig 1987

Den Torbogen tragen kaum über die Kopfhöhe des Betrachters reichende kleine Nischen mit Baldachinen, in denen Skulpturen stehen könnten, aber nie oder zumindest schon lange nicht standen, da das erste eingeritzte Datum aus dem 18. Jahrhundert ist. Und es ist nur passend, daß die Nischen leer sind, denn die Eintretenden brauchen gar keine steinernen Wächter mehr. Verweilen sie vorm Tor, bleiben ihnen andere Details zur Entdeckung. In den scheinbar nur ornamentalen Ranken der Pilaster, weiß auf Blau, sind nämlich beim näheren Hinsehen Gesichter, Tierköpfe, Vögel und Blumengebinde zu erkennen.

Und sie sind, mit der Ausnahme je eines Raubtierkopfs, immer auf Augenhöhe.

Wie so viele große Architektur, verdankt sich auch das Haus Dacheröden zu einem gewissen Teil dem Zufall. Wäre es nicht ursprünglich zwei Häuser mit einer gemeinsamen Fassade gewesen, hätte es vermutlich nicht diese Asymmetrie, dieses Fehlen von Monumentalität, kurz: dieses menschliches Maß. Daß die Renaissance, wenn sie zu frei war, ihrem Traum von der Antike zu folgen, oft eher lächerlich wirkte, kann man schon im Erfurter Dom betrachten. Es ist ein Glück, daß gerade das Haus Dacheröden die Jahrhunderte überstand. Sein menschliches Maß entlarvt auch die schiere Böswilligkeit und Lächerlichkeit der umgebenden historistischen Gebäude am Anger, die alle Epochen der Baugeschichte plünderten, aber immer nur das Schlechteste und Monumentalste fanden.

Ganz allein jedoch ist das Haus Dacheröden, zum zweiten Mal glücklich, nicht. Blickt man durch die Barfüßerstraße darauf zurück, sieht man über dem Dreieck der Dachgauben einige der Geschosse und eine der schwebenden Verbindungsbrücken des großen Wohngebäudes am südlichen Juri-Gagarin-Ring.

Zu dem isolierten guten Alten kommt das gute Neue, die fortschrittliche Architektur der DDR, Erbin alles Guten in der vorangegangenen deutschen Architektur. Isoliert wollte sie nicht mehr sein, sie verwandelte Erfurt, aber zum Haus Dacheröden blieb sie auf respektvollem Abstand, vielleicht sogar auf zu großem und aus falsch verstandenem Respekt.

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