Arbeiterjugendstil

Am Rande des Industriegeländes im mittelböhmischen Kladno steht in einer Straße, die auch nach hundert Jahren und drei Systemen nur Schlamm und Pfützen ist, ein kleines Haus, das mehr sein möchte.

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Grundsätzlich gleicht es so vielen anderen Arbeiterhäuschen in Kladno: ein Geschoß parallel zur Straße, ein Satteldach. Doch in der Mitte des Dachs sitzt ein zweites Geschoß, unmöglich größer als ein Raum, dessen Fassade fast ganz aus einem großen runden Jugendstilfenster besteht.

Diese eindeutige und starke architektonische Geste wirkt völlig unwahrscheinlich in dieser Umgebung, an diesem Gebäude.

Das Fenster scheint größer als das Haus selbst und wenn dessen übrige Fassade ebenso jugendstilig ist, dann scheint es an der schieren Kraft des Fensters zu liegen. Im Erdgeschoß sind links und rechts zwei kleinere Fenster und in der Mitte ein größeres, alle konventionell rechteckig und mit zwei hell-, beziehungsweisen einer dunkelblauen Kachel als symbolischem Schlußstein. Um die beiden seitlichen Fenster sind im hellbraunen Putz zudem schraffierte Kreisflächen, unter dem Dach verläuft ein Band kleinerer glatter Kreise und das zweite Geschoß mit dem runden Fenster wird von einem abgerundeten Giebel abgeschlossen.

Jugendstil in Vollendung also, in seiner entwickelten, vom größten Kitsch gereinigten österreichisch-tschechischen Spätform, aber an einem dafür scheinbar viel zu kleinen Gebäude. Man kann nur raten, wie dieses unwahrscheinliche Jugendstilarbeiterhäuschen entstand. Ob es einen bis zur Exzentrik stilbewußten Erbauer hatte, der abends aus dem großen runden Fenster auf die Fabriklandschaft Kladnos blickte?  Gut möglich,  daß die Wahrheit prosaischer ist, aber wie alle ihm verwandten Gebäude lädt es zu Spekulationen ein. Es ist ein Kleinod und wertvoller als all der andere Jugendstil der Stadt.

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