Bunker in Zaspa

An der Ecke der großen Straßen Aleja Rzeczypospolitej (Allee der Republik) und Aleja Jana Pawła II. (Johannes-Paul-II.-Allee) im Gdańsker Stadtteil Zaspa steht eine Gruppe von sechs neuen grauen Wohnhochhäusern. Auf dem ersten von ihnen verkündet das blaue Logo von inpro, von welchen der großen Developer der Trójmiasto sie errichtet wurden. Daß sie sich City Park nennen und zwischen 2012 und 2015 entstanden, muß man nicht unbedingt wissen.

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Es sind elfgeschossige kurze Gebäude mit grauem Putz und versetzt angeordneten Fensteröffnungen, die manchmal die Ecken umlaufen. Die Treppenhäuser haben vertikale Fenster und dunkelgraue Steinverkleidung. Damit das nicht so langweilig wirkt, ragen aus diesen Baukörpern viele kleine und große Balkone hervor und sind teils mit silbergrauer Verkleidung rahmenartig zusammengefaßt. Als kleiner Farbakzent sind drei übereinanderliegende Balkone im siebten, achten und neunten Geschoß einmal gelb, einmal rot und einmal grün verkleidet. Die Farben sind jedoch so blaß, daß man sie leicht übersehen kann und ohnedies nur bei den vorderen drei Gebäuden, die man von der Straßenecke sieht, vorhanden. Diese drei Gebäude sind nebeneinander aufgereiht, ein weiteres bildet an der Rzeczypospolitej den Abschluß und die letzten beiden stehen aufgereiht gegenüber den ersten drei, aber versetzt.

Typische Architektur mithin, aktuellen Moden entsprechend, keines zweiten Blickes würdig. Doch die Gebäude sitzen auf einem verbindenden zweigeschossigen Sockelbau, der öffnungslos ist und eine Verkleidung aus rauhem grauen Stein hat. Um diese kahle Fläche etwas zu strukturieren, sind die horizontalen Verkleidungsplatten unterschiedlich groß und auf ihnen teils schmale Streifen aus glattem schwarzen Stein angeheftet.

Hinauf auf den Sockel führen tief eingeschnittene Treppen und steile schräge Rasenflächen, die teils als Beete gestaltet sind.

Das nun ist vielversprechend. Das Grün kontrastiert angenehm mit dem Grau und die Treppen laden nach oben ein. Dort, zwei Geschosse über dem Erdboden, scheint auch erst einmal alles in Ordnung: vor den Gebäuden private Gärten und in der Mitte Grünflächen mit Wiesen, Beeten und Bänken.

Doch das ist auch schon alles. Es folgt kein großer Grünbereich zwischen den sechs Gebäuden, sondern nur eine nächste Treppe hinab. In der Mitte zwischen den Gebäuden ist: eine Straße. Auch zu ihr zeigen von beiden Seiten das schroffe Grau oder das schräge Grün der Sockel, dazu Eingänge in die Gebäude und Einfahrten in die Garagenanlagen.

Das Problem ist hier also weniger ein rein architektonisches als ein städtebauliches. Die Gebäude sind für sich genommen zwar langweilig, aber nicht weiter schlimm, während die Gestaltung des Raums zwischen ihnen geradezu pervers ist. Wo ein öffentlicher Ort, ein Herz dieser Wohnanlage, sein könnte, ist eine Straße, die noch dazu breit ist, obwohl sie nirgendwohin führt, und Parkplätze hat, obwohl es die Garagen gibt.

Das Schlimme ist, wie einfach es hier wäre, einen gelungenen, menschenwürdigen Raum zu schaffen. Es würde genügen, die beiden Sockel zu einem einzigen mit einer größeren Garage zu machen und die vier winzigen Grünflächen auf ihnen zu einer einzigen größeren zusammenzufassen, wie das in den Siebzigern etwa im Wiener Alterlaa geschah. Wenn das zu aufwendig sein sollte, könnten wenigstens Brücken über die Erschließungsstraße geführt werden, wie das in den Sechzigern etwa im Malmöer Kroksbäck geschah. Aber die inpro-Architektur schafft nicht nur keine guten Räume, sie bemüht sich aktiv, ihre Entstehung zu verhindern. Es soll hier keine Orte der Begegnung geben, nein, es sollen alle in die Enge und Privatheit ihrer Wohnungen gedrängt werden.

Das zeigt sich auch darin, wie die Wohnanlage mit ihrer Umgebung interagiert. Zur Straßenecke hin sind die Sockel besonders abweisend, obwohl es hier winzige Läden gibt, und zur dort gelegenen Straßenbahnhaltestelle gibt es statt eines Wegs eine Brachfläche, in der auf einem großen Billboard das neueste Projekt von inpro beworben wird. Auf der anderen Seite liegt der Park, der sich zur Straßenbahnstation Zaspa und damit nach Przymorze erstreckt. Die schräg hinaufführenden Wiesen des Sockels sind ein Bezug zum Grün des Parks, der lobenswert wäre, wenn er denn nicht bloß optisch bliebe: zwischen Wohnanlage und Park verläuft ein Zaun.

Hier merkt man dann, daß die schrägen Wiesen im Grau nicht einladend, sondern abweisend sind. Es sind die Wiesen auf Festungsanlagen oder Bunkern. Der Sockel, der etwas Gutes sein könnte, ist ein Wall, mit dem sich die teuren Wohnhäuser vor ihrer Umgebung schützen. Fehlen allein die Schießscharten für die Maschinengewehre und der Stacheldraht.

Diese Bunker von Zaspa sind ein gutes Symbol für die gegenwärtige kapitalistische Architektur: sogar dort, wo sie ausnahmsweise fortschrittliche Elemente aufgreift, wendet sie sie gegen den Fortschritt.

Selbstverständlich wirken Zäune und Bunker immer in beide Richtungen, da sie die einen nicht hineinlassen und die anderen nicht hinaus. So kann man in der Wohnanlage eine Treppe hinabgehen und vor sich den Weg in den Park versperrt sehen.

Beim Spielplatz gibt es wenigstens ein Tor, so daß die Kinder vielleicht manchmal Exkursionen in das Land der Anderen unternehmen können. Gerade für die Kinder ist diese Bunkerarchitektur eine Art Drill in Klassengesellschaft, die auch nötig ist, da vierzig Jahre Sozialismus sie in Polen doch arg zerrüttet hatten.

Dennoch ist diese nicht die schlimmste der gegenwärtigen Architektur, denn wenn diese Bunker einst gestürmt sind, wird man sie immerhin leicht zu etwas Besserem umgestalten können. Vielleicht ist das schon das Beste, was sich heute von Architektur erwarten läßt.

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