Hussiten am Meer

Jan Hus wäre im heutigen katholischen Polen wenig beliebt, wenn dort denn irgendjemand wüßte, wer Jan Hus war. Noch weniger beliebt wären die Hussiten, die die Ideen des großen tschechischen Reformators in Tschechien durchsetzten und mit Wagenburg, Pistole und Haubitze in die umliegenden katholischen Gegenden hinaustrugen. Bei einem dieser Beutezüge kamen sie im Jahre 1433 bis an die Ostsee und zwar etwas nördlich von Gdańsk. Da Obskurität vor Zensur schützt, gibt es hier noch immer zwei Straßen, die nach Jan Hus

und den Hussiten benannt sind.

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Die Ulica Jana Husa (Jan-Hus-Straße) ist eine stille Straße durch eine Gegend mit unauffällig historisierenden Gebäuden aus den Zwanzigern. Sie führt nicht genau, aber ungefähr auf das Kloster Oliwa zu, das die Hussiten vor ihrem Besuch am Meer niedergebrannt hatten.

Die Ulica Husytów (Hussitenstraße) ist heute nur noch ein Straßenschild im Niemandsland bei einem desolaten Bolzplatz und der neuen Veranstaltungshalle Ergo Arena.

Im nahen Wohngebiet Żabianka heißt sie schon anders, so daß niemand in ihr wohnen kann, und auch der bewachte Parkplatz, der an ihr liegt, wird nicht mehr benutzt. Ihre Fortsetzung in die andere Richtung ist hinter dem Bolzplatz von Kleingartenanlagen versperrt, doch gäbe es sie, führte sie genau auf der Grenze zwischen Gdańsk und Sopot geradewegs aufs Meer zu, wo ein weißes Hotelhochhaus aufragt.

Das kann kaum Zufall sein und so muß man annehmen, daß die Hussiten auf diesem Weg zu diesem Teil des Ostseestrands gelangten.

Sehr viel also blieb in Gdańsk nicht von den Hussiten. Während die Husytów, früher Hussitenweg, wohl eine alte Flurbezeichnung ist, in der die Erinnerung an das Jahr 1433 fortlebte, handelt es sich bei der weit prominenter gelegenen Jana Husa, früher Hardenbergstraße, einen hübschen Ausdruck der polnisch-tschechoslowakischen Freundschaft. Als nach dem Krieg ein Komitee der jungen Volksrepublik Polen (PRL) neue Straßennamen auszuwählen hatte, entschied es sich hier für einen kleinen Gruß an die wichtigste und fortschrittlichste Episode der frühen tschechischen Geschichte,

Verdient hätten die Hussiten weit mehr, größere Straßen, Wanderwege, die ihre Bewegungen durch die Region nacherlebbar machen, Informationstafeln, Denkmäler. Letztere müßten dann auch erwähnen, daß es der katholische polnische König war, der die tschechischen Ketzer zur Unterstützung gegen den katholischen Deutschen Orden angeheuert hatte, und damit dem vorherrschenden nationalistischen Mythus vom christlichen Polen widersprechen.

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2 Gedanken zu „Hussiten am Meer

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