Ein Tor nach Wrzeszcz

Die neueren Bereiche des Gdańsker Stadtteils Wrzeszcz beginnen kurz hinter der Bahnstrecke mit der Aleja Hallera (Haller-Allee), die dann lang und weitgehend gerade bis ans Meer in Brzeżno führt. Gleich bei ihrem Anfang gibt es eine leicht zu übersehende architektonische Torsituation.

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Links steht ein konkav geschwungenes viergeschossiges Wohngebäude. Es ist wie ein schnörkelloses weißes Kreissegment hinter einem kleinen Grünbereich zwischen der Hallera und der abzweigenden Wyspianskiego (Wyspianski-Straße). Einziger Schmuck sind die backsteinernen Umrandungen der beiden Eingänge. Die Ecken sind betont durch Läden im Erdgeschoß, über denen schmale Simse verlaufen, und dadurch, daß an den Breitseiten erst wieder im obersten Geschoß Fenster sind, was deren sonst regelmäßige Abfolge unterbricht.

Rechts steht ein ebenfalls viergeschossiges und schlichtes Gebäude, das die Linie des anderen jenseits der Straße gerade fortsetzt.

Um die beiden Ecken der Vorderseite laufen im zweiten Geschoß vorgesetzte Gitterbalkone und in der zur Straße zeigenden Ecke ist vorne ein etwas niedrigeres fünftes Geschoß. Das könnte wie ein konventionell schmückender Turm wirken, wenn es nicht ein wie natürlich aus dem Gebäude wachsender Kubus mit schmalen horizontalen Fenstern, die fast bandartig um die Ecke führen, wäre. Auch bei diesem Gebäude sind an den Rändern fensterlose Putzflächen.

Hier aber ist die linke Fläche unter der erhöhten Ecke mit einem Relief geschmückt.

Es zeigt eine links sitzende ältere Frau, der eine rechts stehende jüngere Frau ein Baby in den Arm legt. Die erste hat die Arme ausgebreitet, die zweite hat den Körper schon etwas zu ihr hingebeugt.

Die einfache Szene in einfachen realistischen Formen wird erst durch die verwandte Relieftechnik besonders: das Relief besteht nur aus schwarzen Linien im roten Backstein, der aber nur bei den Umrissen der Figuren unverputzt gelassen ist. Durch das Kunstwerk blickt man in die Konstruktion des Gebäudes hinein. Nur mit den Linien im Backstein wird zudem ein sehr plastischer Effekt erreicht und sogar, wen man direkt vorm Gebäude stehend hinaufblickt, ist alles deutlich und gleichsam nah zu erkennen.

Vielleicht liegt es an der komplizierten polnisch-deutschen jüngeren Geschichte von Gdańsk, daß man bei den Gebäuden wie bei dem Kunstwerk erst schwer zu sagen weiß, von wann sie sind. Fortschrittliche Zwischenkriegszeit? Davon gab es in der damaligen Freien Stadt Danzig wenig und wenn doch, dann in lokalem roten Backstein statt in internationalem weißen Putz. Erstes Polnisches direkt nach dem Krieg? Dergleichen ungebrochene Fortsetzung der Zwischenkriegsarchitektur gab es in der weitgehend unzerstörten und reichen Tschechoslowakei, aber im zerstörten, ohnedies armen und von den Deutschen völlig ausgeplünderten Polen ist sie schwer vorstellbar. Schon in die Fünfziger wollen die Gebäude dann nicht mehr passen.

Unzweifelhaft ist nur, daß es eine selbstbewußte Architektur ist, die hier sehr bestimmt einen neuen Eingang, ein Tor, nach Wrzeszcz schafft. Hinter dem linken Gebäude ragt noch der Backsteingiebel eines wilhelminischen Schulklotzes auf, doch jede monumentale Wirkung ist ihm geraubt.

Hinter dem rechten Gebäude folgt auf das neue Tor ein neuer Stadtraum: entlang der Hallera ein langer Parkstreifen, der sich von der Straße weg leicht verbreitert, und neben diesem ein ebensolanges dreigeschossiges Wohngebäude, das kaum merklich geschwungen von der Straße weg verläuft.

Mit seinen backsteinumrandeten Eingängen, großen vertikalen und kleineren horizontalen Fenstern und einfachen weißen Formen setzt es fort, was zuvor begonnen war.

Ein Durchgang in der Mitte führt zu Straßen mit satteldächigen Reihenhäusern. Diese sind schon eindeutig aus der Zwischenkriegszeit und dasselbe gilt auch für das Torensemble am Eingang nach Wrzeszcz. Es entstand um 1930, das rechte Gebäude war Schwesternwohnheim für das nahe Krankenhaus, worauf auch das Kunstwerk von Bruno Paetsch bezug nimmt. Obwohl weitergehende Planungen entlang der Aleja Hallera, die damals Ostseestraße hieß, nie realisiert wurden, ist es doch das fortschrittlichste städtebauliche Erbe der kurzlebigen Freien Stadt Danzig.

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