Konstantinovy Lázně

Wer kennt schon Konstantinsbad? Marienbad, Karlsbad, vielleicht noch Franzensbad, ja, die mögen im deutschsprachigen Raum bekannt sein, wenn auch nicht unbedingt Mariánské Lázně, Karlovy Vary und Františkovy Lázně zugeordnet werden können, deren tschechische Pluralnamen auch tatsächlich kompliziert sind. Aber auch Konstantinovy Lázně gibt es, nicht sehr weit von den anderen dreien in Westböhmen gelegen, viel kleiner als sie, aber genauso Kurort.

Entsprechend ist das Herz des Städtchens der Park. An seinem zentralen Weg, in dessen Mitte sogar, steht nach einer ersten Biegung bald der Pavillon der Prusíkův pramen (Prusíkquelle).

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Er ist wenig mehr als ein breites Dach mit beiger Steinverkleidung gehalten bei, aber nicht direkt in den Ecken von massiven Stützen mit grauer Steinverkleidung, die einen nach außen gehöffneten Winkel bilden. Da die Stützen noch über das Dach hinausführen und der Pavillon ansonsten völlig verglast ist, scheint es in ihnen eher aufgehängt als von ihnen gestützt. Im Inneren des Pavillon sind seitlich Holzbänke und in der Mitte eine zweistufige Vertiefung, in der die eigentliche Quelle ist. Auf einem niedrigen quadratischen Sockel ist ein großes rundes Metallbecken mit sechseckiger Fassung, in dem aus zwei dünnen gebogenen Röhrchen an einem mittigen Metallzylinder das metallisch schmeckende Wasser fließt oder tröpfelt.

Optisch durch seine Transparenz und praktisch durch seine Türen ist der Pavillon, wiewohl unübersehbar, kein Hindernis auf dem Weg durch den Park, der nun gerade weiterführt. Das nächste Stück entspricht mit Bänken und geschwungen ansteigenden Hochbeeten, in denen teils Palmen stehen, der Gestaltung des Pavillons.

Dann steht links etwas höher und hinter einer offenen Terrasse das Hotel. Es ist ein großer, groß jedenfalls für die Maßstäbe von Konstantinsbad, historistischer Bau mit einem halbrund vorgesetzten Mittelteil und großen Fenstern.

In der Mitte der Terrasse, wo eine Treppe hinaufführt, steht ein Brunnen, bei dem das Wasser über quer ineinandergesetzte Metallgitter läuft. „1875 – 1975“ steht auf dem Sockel; der Brunnen erinnert an das hundertjährige Bestehen des Hotels.

Bevor der Weg sich im Ungefähren verliert, ist links noch eine Freilichtbühne. Weiße Bänke, wie es sie auch anderswo im Park gibt, stehen auf leicht abschüssiger Fläche vor der Bühne, die durch eine lange Wand und zwei seitlich davor versetzte Wände mit roter Steinverkleidung abgeschlossen ist.

Rechts des zentralen Wegs erstreckt sich der Park. Es gibt Wiesen, Wege, eine verwirrende Anzahl meist hölzerner Kunstwerke, einen Teich und alte Bäume, von denen insbesondere ein sehr hoher Nadelbaum mit doppeltem Stamm auffällt.

Als einziges Zeichen einer älteren Geschichte steht recht versteckt ein mittelalerliches Sühnekreuz, aber das war ursprünglich woanders.

Das, der Park, ist es auch schon, was in Konstantinovy Lázně wirklich zählt.

Es gibt noch einige Straßen zum Bahnhof hin beim Beginn des Parks und eine Art Hauptstraße auf der anderen Seite des Hotels. Noch vor ihrem Beginn steht rechts eine kleine Kirche in einer leichten weißen Neogotik. An der Straße sind weitere historistische Gebäude mit Pensionen und dergleichen, abseits rechts viergeschossige fortschrittliche Wohngebäude in locker verstreuter offener Anordnung.

Links steht höher am Hang das Kulturní dům (Kulturhaus), ein Bau aus weißem Backstein mit rotgerahmten Fenstern und Türen. Wie er die Mitte seiner Vorderseite mit beinahe turmartigen hoch aufgestützten Dächern flankiert und noch unter diesem mit einem schrägen Glasdach bedeckt, zeigt eindeutige Einflüsse westlicher Architekturmoden der Achtziger und tatsächlich stammt das Gebäude von 1988. Schlimmer ist aber, daß es durch das angrenzende Waldstück keine Wegverbindung in den Park gibt.

Ob man in Konstantinovy Lázně nachspüren kann, wie Kurorte einst waren, ist zweifelhaft. Sicher hilft es, daß Konstantinsbad selbst für die Bürger vor hundert Jahren bloß dritte Wahl gewesen wäre. Sogar seinen Namen hat es erst seit 1900, während es vorher wie tausende andere Orte generisch Nová Ves (Neues Dorf) hieß. Es trägt ihn zu Ehren seines Gründers Konstantin zu Löwenstein, einem obskuren deutschen Adligen des frühen 19. Jahrhunderts, als wolle es sich auch dadurch von seinen größeren Geschwistern abheben, die nach berühmten böhmischen und österreichischen Potentaten benannt sind. Seit 1901 gibt es die kleine Lokalbahn, die von einer größeren Strecke nordwestlich von Plzeň abzweigend zuerst auf einer hohen Stahlbrücke über einen grünen Stausee, dann durch kaum besiedelte Hügellandschaft führt.

Wenigstens ist Konstantinovy Lázně ganz so, wie man sich einen Kurort geschult an der Literatur des frühen 20. Jahrhunderts vorstellt. Es ist erfüllt von einer Atmosphäre der Müdigkeit, der Stagnation, des Todes. An einem noch nicht heißen Spätsommermorgen schlurfen alte Leute mit Plastiktüten in der Hand durch den Park, aber auch nicht viele. Alles ist entweder grell renoviert oder im Verfall. Die Zeugnisse der so unterschiedlichen Luxusbestrebungen eines vergangenen bürgerlichen Zeitalters und des ebenso vergangenen Sozialismus wirken ohne Bürger oder Sozialismus eher leer und traurig, das Schlechteste aller Welten. Vielleicht ist ein schwacher Trost, daß der Sozialismus hier jedenfalls mehr strahlt als sein Vorgänger. Aber wer kennt schon Konstantinovy Lázně?

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