Die Türme des Politechnika

Viel gibt es zur Architektur des Politechnika Gdańska (Gdańsker Politechnikum) nicht zu sagen. Monströse kaiserzeitliche Neorenaissance in rotem Backstein, wie sie zwischen 1880 und 1914 für alle Repräsentationsbauten der Stadt gewählt wurde. Kaum anders könnten die Gebäude einer Institution aussehen, die 1904 als Technische Hochschule zu Danzig gegründet wurde und 1945 zum Politechnika wurde.

PolitechnikaAllee

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Im Hauptgebäude findet diese unmenschliche Monumentalität naheliegenderweise ihren Höhepunkt und es ist nur den großen Bäumen der darauf zuführenden Allee zu verdanken, daß man sie nicht schon von der Aleja Grunwaldzka, einer zentralen Achse der Trójmiasto, sieht. Durch die Alleebäume auch bemerkt man von Weitem das gleichsam filigrane Türmchen, das von Nahem nur verloren hoch über den abweisenden roten Mauern sitzt.

PolitechnikaTurmHauptgebäude

Aber es ist ein anderer Turm des Politechnika, der entlarvend viel über diese Architektur aussagt. Aus der Entfernung sieht man seine halbrunde Backsteinform. Schmale vertikale Fenster im Schaft, nach kleinen Stufen weiter vorstehend der obere Teil mit nun umlaufenden Fensterschlitzen und darauf ein spitzes rotes Ziegeldach. Daß der Turm wirklich das irgendwie alte Bauwerk sei, das er zu sein vorgibt, glaubt man ihm nie, bestenfalls wirkt er wie ein historistischer Wasserturm. Und zudem ist da der große Schornstein, der noch über das Dach aufragt.

PolitechnikaTurmVorne

Bereits, wenn man vor dem Hauptgebäude stehend seitlich auf den Turm blickt, merkt man, daß sich das zuvor zu sehende Halbrund zu keinem Ganzen schließt – es ist ein halber Turm.

PolitechnikaTurmSeite

Von anderen Stellen im Gelände des Politechnika, wenn man seine Rückseite sieht, merkt man, daß sogar das nicht stimmt. Denn es ist vor allem ein Schornstein, ein ganz gewöhnlicher Schornstein, wie ihn jede Fabrik hat, an den vorne eine Turmfassade angeklebt ist – es ist ein potemkinscher Turm.

PolitechnikaTurmHinten

Was der Turm in so dankenswerter Klarheit zeigt, trifft auf alle Gebäude des Politechnika und auf alle historistische Architektur zu: sie spiegelt etwas vor, sie klebt Fassaden auf Gebäude, die zu deren Funktion einfach nicht passen. Man bedenke gerade in diesem Fall die Lächerlichkeit dieses Vorgehens: da ist eine der modernsten Technik geweihte Lehr- und Forschungsanstalt, aber sie hält es für nötig, sogar den Fabrikschornstein, dieses Symbol der Industrie, die die modernste Technik hervorbringt, hinter nachgemachtem Alten zu verstecken!

Noch einen weiteren Turm hatte das Politechnika. Er war weniger hoch und aufgrund seiner Funktion als Kühlturm aus Stahl. Um ihn dennoch so gut wie möglich zu verstecken, setzte man ihn hinter die Maschinenhalle, zu der der Schornstein gehört, und zwang ihm eine verzierte Kuppelhaube aus Kupfer auf.

PolitechnikaKühlturmTurm

Es ist, als ob er von dort aus verächtlich oder eher bedauernd auf den als Turm verkleideten Schornstein blickt. In den neunziger Jahren wurde der Kühlturm abgebaut und übrig blieb bei einer Informationstafel ausgerechnet die verzierte Haube, während sein Schaft, der nichts als ein schlanker Zylinder aus Stahl war, verschwunden ist.

PolitechnikaKühlturmRest

Daß das Politechnika heute dennoch etwas Architektur hat, deren Formen ihrem Inhalt entsprechen, verdankt sich späteren Bauten aus der polnischen sozialistischen Zeit. Sie sind hoch und groß, aber dabei zurückhaltend und menschlich. Türme brauchen sie keine mehr.

PolitechnikaNeu

 

Ein Gedanke zu „Die Türme des Politechnika

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