Erkundungen auf Friedhöfen: Eisen und Staub in Bergen

Gußeiserne Grabsteine sieht man auf Friedhöfen immer wieder einmal. Sie treten ab dem frühen 19. Jahrhundert auf und sind wohl so etwas wie ein Nebeneffekt der industriellen Revolution. Sie waren aber eher eine Modeerscheinung und blieben meist vereinzelt. Nicht so auf dem Friedhof um die Mariakirke (Marienkirche) im südwestnorwegischen Bergen.

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Hier sind mehr als die Hälfte der erhaltenen Grabsteine aus Eisen. Aus Gründen, die heute nicht mehr einfach zu eruieren sind, war diese Mode in Bergen beliebter als anderswo. Neben Kreuzen wurden auch Grabplatten und ganze Sarkophage aus Eisen gefertigt.

Die große Qualität des Materials sieht man etwa am Relief auf der Grabplatte des cand.theol. Johan Meyer und an denen der Sarkophage des Bischofs Jacob Neumann und seiner Frau Justine.

In 150 Jahre rosteten sie zwar leicht, verloren aber nicht ihre Form. Sogar ein Riß in einem Sarkophag scheint kaum mehr als ein allererstes Anzeichen eines Verfalls, der sich noch sehr lange hinziehen wird.

Die Mariakirke, teils noch romanisch und die älteste der Stadt, hieß früher auch Tyskekirke (deutsche Kirche), da sie von den deutschen Kaufleuten, die das große Hansekontor Bryggen betrieben, genutzt wurde. In den dank dem hochwertigen Eisen allesamt gut lesbaren Grabinschriften kann man daher manches über deutsche Einwanderung und Assimilation in Bergen lesen. Die Gräber sind etwa zur Hälfte norwegisch und zur Hälfte deutsch beschriftet. In beiden Sprachen sind die orthographischen Variationen groß. „Geboren“ wird auf Norwegisch mal „fød“, mal „föd“, mal „født“ geschrieben und auf Deutsch manchmal „gebohren“.

Oft sind die beiden Sprachen nah beieinander. Seite an Seite etwa liegen die Gräber von A. M. Døscher und Johan Henrich Døscher.

Beide sind identisch gestaltet, schlichte Sarkophage mit einem Kranz um das vertikale Oval des Schriftfelds. Ihres ist auf Deutsch beschriftet, geboren ist sie recht vage „im Hannoverschen”,

seines auf Norwegisch, obwohl auch er „født i det Hannoverske“ (geboren im Hannoverschen) ist.

Sie kam 1823 nach Bergen und starb dort 1834 81-jährig, er, 1795 geboren, kam 1822 und starb 1854. Die Geschichte dahinter ist einfach nachzuvollziehen: er, der Enkel, kjøbmand (Kaufmann), zu Geld gekommen offenbar, holte seine alte Großmutter in die ferne Stadt, in der er sich angesiedelt hatte. An die norwegischen Bedingungen angepaßt wurde dabei einzig die Schreibweise ihres Nachnamens, aber welchen Unterschied macht schon ein ø oder ein ö? Sie blieb Deutsche, er war Norweger geworden, könnte man sagen, aber vielleicht wäre das falsch, vielleicht hätten ihnen diese Zuschreibungen gar nichts bedeutet. Schließlich gab es kein Deutschland und Norwegen war eine erst kürzlich an Schweden gekommene dänische Provinz, in der es außer ein paar Städten, von denen Bergen die größte war, nichts gab.

Dennoch könnte das Erstarken des Norwegischen nach vielen Jahrhunderten deutsch-hanseatischer Präsenz in Bergen mit dem Erstarken nationalen, nationalstaatlichen Denkens zu tun haben. Hundert Jahre zuvor wäre dem eingewanderten Kaufmann vielleicht nicht eingefallen, sein Grab in der Sprache der Einheimischen zu beschriften, einfach deshalb, weil ein deutscher Dialekt in Bergen genauso einheimisch war wie ein dänischer Dialekt.

„Friede sey mit deiner Asche“ steht abschließend auf ihrem Grab, „fred med hans støv“ (Friede seinem Staub) auf seinem. Grammatikalisch ist das auf Deutsch richtig, gebräuchlich keineswegs. Es ist eine offensichtliche Übersetzung der norwegischen Grabformel, eine zu wörtliche überdies, die die Präposition „mit“ statt des gebräuchlichen Dativs verwendet. Noch näher am Norwegischen ist dann die Formel auf dem Grab des Kaufmanns Hinrich Volckmann und seiner Frau Sara Dameta: „Friede mit ihrem Staube !“.

Auf dem Grab der Jungfrau Helena Hasselmann liest man schließlich „Friede mit ihre Asche!“.

Hier ist das Deutsch schon kein Deutsch mehr. Wer es schrieb, war mit der Sprache offenbar kaum mehr vertraut, er wollte, aber konnte nicht. Dieses norwegisierte Deutsch ist letztlich ein stärkerer Hinweis auf die Assimilation der Deutschen in Bergen als die norwegisch beschrifteten Gräber.

Es ist ein Glück, gerade diese Umbruchsphase vom Deutschen zum Norwegischen auf dem kleinen Friedhof in Eisen gegossen nachlesen zu können.

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2 Gedanken zu „Erkundungen auf Friedhöfen: Eisen und Staub in Bergen

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