Das neue Hradec Králové

Es beginnt gleich dort, wo das neualte Hradec Králové endet, gleich hinter dem Ulrichovo náměstí (Ulrich-Platz). Schon das diesen prägende lange sachliche ČSD-Gebäude ist nicht mehr völlig Blockrandbebauung.

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Nur in der Mitte sind hinter ihm zwei sechsgeschossige Querflügel, die mit einem weiteren Teil einen Hinterhof umschließen, aber die Seiten sind frei, wenn auch umzäunt. Offen ist der Stadtraum noch nicht, aber auch nicht mehr allein vom zugebauten Blockrand bestimmt.

In den folgenden Straßen scheint die Blockrandbebauung sich fortzusetzen, bloß haben die fünfgeschossigen Gebäude nun fast durchweg sachliche Formen. Statt Schmuck und Pilaster gliedert der Wechsel von offenen und geschlossenen Flächen die Fassaden – typische tschechoslowakische Architektur der Zwischenkriegszeit. Auch, wenn man von den Straßen Nerudova und Na lípkách, die beinahe parallel ins Stadtzentrum führen, auf die Gebäude blickt, sieht man nichts anderes als diese sachliche Blockrandbebauung.

Erst in den Querstraßen öffnen sich die Blocks plötzlich.

Ein Blick ins Blockinnere tut sich auf und man sieht Grün.

Statt Hinterhöfen, von denen nurmehr kleine private Flächen hinter den Gebäuden bleiben, erstreckt sich da eine große öffentliche Parkfläche. Diese vorsichtige, halb versteckte Öffnung ist ein enorm wichtiger Schritt. Hier ist die Blockrandbebauung aufgebrochen. Hier beginnt die neue Stadt. Hier verläßt Hradec Králové auch städtebaulich das 19. Jahrhundert.

Zwei Blocks sind auf diese Art geöffnet und zugleich zu einer neuartigen Achse zusammengefaßt, die an der großen Straße Střelecká, die zum Schnellstraßenring der Stadt gehört, beginnt. Beidseits der Öffnung zum Park stehen Villen, ein Bezug auch zum Villenviertel auf der anderen Straßenseite.

Sie sind beide ähnlich, aber nicht identisch. Nachdem die fünfgeschossige Umbauung der Blocks schon auf vier Geschosse abgefallen ist, beginnen die Villen jeweils mit einem schmalen dreigeschossigen Trakt mit brauner Kachelverkleidung, in dem das Treppenhaus ist. Ihre eigentlichen Baukörper sind dann deutlich zurückgesetzt und zweigeschossig.

Sie sind strukturiert durch horizontale weiße Putzbänder unter dem Dach und zwischen den Geschossen und durch die erst durch schmale braune Kachelflächen verbundenen, dann durchgängig verglasten Fensterbänder. In der Ecke zum Treppenhaus ist vor dem Obergeschoß jeweils ein großer Balkon. Zur Öffnung des Parks steht das Obergeschoß, dessen Ecke die Fensterbänder umlaufen, jeweils leicht über. Auf dem Dach sind Aufbauten mit horizontalen Streben, die auf Dachterrassen hindeuten. Die Eingänge sind am Rande neben dem Treppenhaus, während an den Schmalseiten Garageneinfahrten sind. Rückwärtig sind tiefergelegte Gärten.

Hübsche Villen also, typisch für die Moden ihrer Zeit. Das Außergewöhnliche, vielleicht Einmalige an ihnen ist, daß sie nicht freistehen, sondern Teil einer umfassenden Planung sind.

Durch diesen Eingang tritt man in den Parkstreifen, der sich durch die beiden Blocks zieht.

Am Ende der Achse steht ein schmaler weißer Turm mit zwei durchgehenden vertikalen Lamellenöffnungen, aber der ist vom üppigen Grün zuerst fast verdeckt. Erst, wenn man die erste Querstraße passiert hat und näherkommt, sieht man ihn besser. Eine schmucklose weiße Form, die zu einer Feuerwache oder zu einer Fabrik gehören könnte. Wenn man schon nahe ist, sieht man im Hintergrund rechts von ihm die Türme der Altstadt auf dem Hügel.

Der Kontrast ist groß, aber nur oberflächlich; auch der weiße Turm ist ein Kirchturm. Nach der zweiten Querstraße stehen links und rechts dreigeschossige Backsteinbauten und zwischen ihnen geht es in den Kirchhof.

Vor ihm ist ein wirkliches Tor, wenn auch niedrig und nicht monumental. Im ornamentalen Gitter ist ein goldener Kelch – es ist eine hussitische Kirche. Der Kirchhof ist ein weder großes noch kleines Dreieck.

Spätestens hier merkt man, daß die Straßen Nerudova und Na lípkách nicht parallel, sondern aufeinander zu verlaufen. Nach einem Vorhof, von dem die Gebäude erschlossen sind, legen sich Kolonnaden um eine abgesenkte Wiese, deren einziger Schmuck ein kleines Beet und ein Stein mit Bibelzitat sind, während links und rechts vor den umgebenden Mauern Kolumbarien, transparente Urnenfächer, sind. Hinter der Wiese erhebt sich der Turm. Etwas hinter ihm sind an den Seiten zwei weitere Eingänge. Rückwärtig schließt er mit einem Brückentrakt an die eigentliche Kirche an, deren weißer Baukörper an den Seiten die Spitze des Dreiecks einnimmt.

Aus Autorenkollektiv: Hradec Králové, Praha 1970

Diese Kirchenanlage ist zweifelsohne großartig, ja, auf ihre Art vollkommen. Ohne jegliche historistischen Formen schafft sie doch die Atmosphäre mittelalterlicher Bauten. Von außen wirkt sie durch den roten Stein der Gebäude und die Mauer fast abweisend und die Kirche mit ihren großen runden Fenstern zwischen vertikalen Streben fast gotisierend, doch im Hof ist alles weiß und sachlich und auch die Kirche hat horizontale Fensterbänder.

Der Kirchhof ist zugleich Kreuzgang als auch Begräbnisstätte, zugleich abgeschlossen als auch geöffnet, zugleich als Endpunkt der Parkachse Teil der Stadt als auch außerhalb von ihr. Hier entstand so etwas wie ein antikatholisches Kloster, aber ohne Nonnen oder Mönche, ein demokratisches Kloster, so wie die hussitische Kirche als Religion für die demokratische tschechoslowakische Republik geschaffen worden war. Diese Kirche ist einer der gelungensten neuen Sakralbauten der Tschechoslowakei. Welten trennen sie von dem unentschlossen monumentalen Stil üblicher hussitischer Kirchen. Dennoch wäre es besser, wenn es sie nicht gäbe.

Denn ganz wie Religion in welcher Form auch immer den Fortschritt stört, stört die Kirche auch in ihrer architektonischen Großartigkeit den fortschrittlichen Städtebau. Die Parkachse wäre besser, wenn sie mit einem freien Blick über den weiten Park am Ufer der Labe (Elbe) und die Altstadt darüber endete. Das brächte auch die beiden Gebäude besser zur Geltung, die an dieser Seite als Gegenstücke zu den Villen die Öffnung des Parks flankieren.

An Nerudova und Na lípkách fallen sie auf vier Geschosse ab, um sich dann dreigeschossig zum Park zu wenden. Auf beiden dieser Stufen sind Dachterrassen, stattlich schon auf der höheren, riesig auf der niedrigeren, so daß man von Terrassenhäusern sprechen kann. Wieder sind beide Gebäude nicht identisch, etwa hat das rechte abgerundete Ecken mit Balkonen.

Hier ensteht ein Gebäudetyp, der mehr als die sachlichen Mietshäuser, mehr als die hübschen Villen und sicherlich viel mehr als der großartige Kirchenkomplex zur Parkachse und zu einer neuen Art von Stadt passen. Und Hradec Králové begann diese neue Stadt zu bauen.

2 Gedanken zu „Das neue Hradec Králové

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