Die Verfälschung von Schönbrunn

Man kann Schönbrunn von außen sehen – kostenlos – oder man kann Schönbrunn von innen sehen – wenn man gewillt ist, in einer Schlange anzustehen, mindestens 14,20 Euro zu zahlen, in Räumen mit dem Charme eines Provinzflughafens in einer zweiten Schlange anzustehen und sich mit unzähligen anderen Besuchern durch die Säle treiben zu lassen. Ob sich das lohnt, muß jeder selbst entscheiden. Was man auf jeden Fall nicht sehen wird, ist  – Schönbrunn.

Denn das Einzige, was dieses Monstrum von einem Schloß interessant machen könnte, ist, wie es das Außen und das Innen verbindet und das ist bei seiner heutigen Präsentation nicht mehr erlebbar.

Aus Schütz, Manfred/Frenzel, Reiner: Paläster und Schlösser in Europa, Leipzig 1970 (Bilder zum Vergrößern anklicken)

Heute sieht man Schönbrunn entweder von außen als die Seite des Vorhofs oder die Seite des Parks, die durch eine lange Wegstrecke voneinander getrennt sind, oder von innen als eine Abfolge künstlich beleuchteter und mit Holzjalousien abgeschlossener Säle. Doch beides ist nicht, was Schönbrunn sein will. Es ist kein Hindernis zwischen Vorhof und Park, sondern eine Verbindung. Es ist kein museal abgeschotteter Innenraum, sondern nach außen geöffnet.

Man kann ersteres erahnen, wenn man in der Mitte der Hofseite vor der heute verglasten Einfahrt steht und durch das Schloß über die Weite des Parks, über den Neptunbrunnen und den Hang bis zur Gloriette schaut. Diese Einfahrt und der Erdgeschoßbereich, den man als Halteplatz für Kutschen mit einem Busbahnhof vergleichen kann, sind der architekturgewollte Weg vom Vorhof in den Park.

Man kann zweiteres erahnen, wenn man an einer der beiden Seiten auf den Balkonen vorm zweiten Geschoß steht und durch die Jalousien in die Säle und durch sie hindurch zur anderen Seite schaut. Die hohen Fenstertüren weit geöffnet zu den Balkonen und ihren in Vorhof und Park herabführenden Freitreppen, das Außen ins Innere hineinholend, so sind diese Säle gedacht.

Erahnen also kann man Schönbrunn, erleben aber nie. Nie wird man zu Fuß oder in einer Kutsche vorm Vorhof durch den dunklen Bauch des Schlosses kommenund sehen, wie sich vor einem der Park öffnet. Nie wird man vom Saal auf den Balkon treten und statt der Deckenmalereien den Himmel über sich sehen. So, wie Schönbrunn heute präsentiert wird, wird es verfälscht. Ein Ganzes wird zerrissen, in sinnlose Teile zerlegt. Mag sein, daß das schwer zu ändern wäre. Sogar wenn das kapitalistische Bedürfnis, daran Geld zu verdienen, wegfiele, wäre den vielen Tausenden von Besuchern ein Wechseln zwischen Saal und Balkon kaum zu ermöglichen. Der Weg durchs Erdgeschoß dafür wäre leichter zu öffnen.

Nun ist es nichts Schlechtes, im Gegenteil sogar, ein altes Gebäude auf neue Arten zu erschließen, es in einen neuen Kontext zu setzen. Zur Verfälschung wird es erst dadurch, daß es so nichts dazugewinnt, sondern verliert. Denn die heutige Präsentation weitet dem Besucher den Blick auf Schönbrunn nicht, sondern verengt ihn. Sein Innen wird durch sie zu weltabgewandtem k.u.k.-Kitsch, sein Außen zur leeren Fassade. Verloren geht dabei die mögliche Erkenntnis, daß dieses Schloß in funktionaler Hinsicht gar nicht so anders ist als manches, was der Besucher aus dem Alltag kennt. Viele konnten schon transparente Räume, von denen man in Gärten tritt, oder Busbahnhöfe unter Gebäuden erleben, wenige dachten dabei an Schönbrunn. Es wäre zu zeigen, wie viel von dem, was einst dem allerreichsten Adel vorbehalten war, heute Allgemeingut ist, doch das Gegenteil geschieht.

Denn einiges des Alten und Fremden an Schönbrunn ist das Ergebnis einer Verfälschung.

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