Über Fahrradwege

Ob das Fahrradfahren eine besonders sinnvolle Fortbewegungsart ist, mag man bezweifeln. Es ließe sich sagen, daß es die Nachteile des Autofahrens hat, nämlich die Abhängigkeit von einem selbst zu steuernden Gerät, aber nicht dessen Vorteile, nämlich Komfort und Geschwindigkeit, und ebenfalls die Nachteile des Gehens, nämlich die Anstrengung, aber nicht dessen Vorteile, nämlich die völlige Ungebundenheit und die Möglichkeit der Kontemplation.

Da es aber augenscheinlich Menschen gibt, die am Fahrradfahren Freude haben, müssen auch dieser Fortbewegungsart Wege geschaffen werden. Keinesfalls können das dieselben Wege sein, die von Fußgängern benutzt werden, da die Geschwindigkeiten und damit die Machtverhältnisse zu unterschiedlich sind, und aus demselben Grund ebensowenig die Wege der Autos. Nötig ist vielmehr eine strikte Trennung der Geschwindigkeiten. Wie eine solche auf recht klassisch Le Corbusier’sche Art aussehen kann, läßt sich in den Niederlanden betrachten.

Unbedingt ist in Abwandlung von Le Corbusiers wichtigem Postulat, daß der beste städtische Raum dem Wohnen vorbehalten sein muß (Punkt 23 der „Charte d’Athènes“ [Charta von Athen]), zu fordern, daß die besten Wege dem Fußgänger vorbehalten sein müssen, da nur er zumindest die Möglichkeit hat, aus seiner Umgebung ästhetischen Genuß zu ziehen. Ein negatives Beispiel dafür, wie ein besonders schöner Weg dem Fußgänger geraubt und einer anderen Fortbewegungsart, dem Fahrradfahren, zugeordnet wurde, findet man im Zentrum von Gdańsk.

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Zwischen Hucisko und Błędnik verläuft oberhalb der Bahngleise ein kleiner Parkstreifen. Man ist noch nicht sehr hoch, aber doch so hoch, daß man die backsteinernen Türme und bunten Hochhäuser als Silhouette, als Skyline aus der niedrigeren Bebauung aufragen sieht.

Zugleich ist diese Silhouette noch nicht in abstrakter Ferne, sondern scheinbar zum Greifen nah. Man ist der Stadt nah und fern zugleich, auf einer faszinierenden Zwischenhöhe.

Es ist einer der schönsten Orte des Gdańsker Stadtzentrums. Noch zentral, leitet er zugleich in äußere Teile der Stadt über, etwa hinauf in die ehemaligen Festungsanlagen. Hier, über der Geschäftigkeit der Bahnstrecke und ihr enthoben, müßten Bänke oder vielleicht sogar eine sommerliche Bar zum Verweilen einladen. Stattdessen führt durch den Park ein neuer Fahrradwege, der sogar teils auf einem Steg über den Gleisen verläuft,  während der Fußgänger auf die anderen Seite der 3. Maja (Straße des 3. Mai) verbannt ist.

Nicht nur die Fußgänger verlieren dadurch, sondern ebenso die Fahrradfahrer, für die es keine Nachteile bedeuten würde, wenn ihr Weg auf der anderen Seite der Straße verliefe und sie anhalten könnten, um den schönen Ort zu genießen. Die Stadt verliert. Das ist ein Beispiel für den verheerenden Effekt einer schlechten Stadtplanung, die einen Weg einer unpassenden Fortbewegungsart zuordnet. Ob man Fahrradfahren also sinnvoll findet oder nicht: es kommt immer darauf an, ob die Fahrradwege an den richtigen Stellen sind.

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