U Švagerků

Die Geschichte der Arbeiterbewegung ist auch eine Geschichte der Vorstadtkneipen. Dort trafen sich die Arbeiter, dort diskutierten sie, dort organisierten sie sich. Heute geht man an den Gebäuden vorbei wie an anderen trostlosen Vorstadtgebäuden, die Kneipen gibt es nicht mehr, manchmal nur erinnern noch Gedenktafeln an ihre Geschichte.

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So ist es in Hradec Králové beim Haus U Švagerků (Bei den Švagereks, wohl nach der Familie des ersten Eigentümers benannt). Ein zweigeschossiger historistischer Bau an der Ecke Nerudova/Všehrdova, unweit der Gleise und des Bahnhofs. Direkt an der Ecke hängt die große Gedenktafel. Auf ihrem grauen Stein sind schwarz Hammer und Sichel, nach tschechoslowakischem Brauch nicht gekreuzt, sondern nebeneinander, und eine Inschrift:

„Das Haus U Švagerků war schon seit dem Jahre 1902 Sitz von Arbeiterorganisationen. Seit Oktober 1920 war hier die Redaktion der ‚Pochodeň‘ [Fackel] und das Sekretariat des III. Bezirks der sozialdemokratischen Linken. In den Jahren 1921-1938 arbeiteten und wirkten hier das Bezirkssekretariat der KSČ [Komunistická Strana Československa – Kommunistische Partei der Tschechoslowakei], die Redaktion der kommunistischen ‚Pochodeň‘, der Komsomol, die rote Gewerkschaft, ein proletarischer Turnverein und ein Theater.“

Das könnte schon alles sein und wäre nicht wenig, denn Hammer und Sichel sieht man in Tschechien nur mehr selten. Aber wenn schon nicht die Arbeiterbewegung, so ist die Kneipenkultur in Tschechien heute noch so lebendig wie 1902. Daher gibt es die Kneipe U Švagerků noch immer.

Es ist eine zweifache Zeitreise, am Haus U Švagerků vorbeizugehen. Man ist zurückversetzt zum einen in die Zeit, als die Arbeiterbewegung von den Vorstädten aus kämpfte, und zum anderen in die Zeit, als sie an die Macht gekommen an diese Kämpfe erinnern konnte. Neben der Kneipe und ergänzend zur Gedenktafel war in dem Haus zur Zeit des Sozialismus auch ein Museum der Arbeiterbewegung.

Die prominenteren Kunstwerke aus den Zeiten der sozialistischen Staatlichkeit sind heute aus Hradec Králové verschwunden. Den Lenin auf dem Leninovo náměstí (Leninplatz) gibt es nicht mehr und den Gottwald vom Gottwaldovo náměstí (Gottwaldplatz) hat irgendein Sammler am Stadtrand. Wenn solche Kunstwerke übrig geblieben sind, dann sind sie traurige Ruinen, die die Stadt bei Gelegenheit abräumen wird. Eins steht noch am Rande des Parks Sukovy sady, gar nicht weit von U Švagerků, aber an einer Hauptstraße.

In der Grünanlage ist eine Betonwand, die meist vertikal geriffelt, an den freischwebenden Seiten aber glatt ist, wo rechts in teils fehlenden Metallbuchstaben steht: „Lid je hlavním tvůrcem dějin“ – Das Volk ist der Hauptschöpfer der Geschichte.

In der Mitte, wo die Wand eine schräge Lücke hat, ist ein großer fünfzackiger Stern, dessen linke Hälfte ausgespart ist, während seine rechte Hälfte ein Relief im Beton ist.

Das kann man bloß noch von der Rückseite, wo Fahnenmasten stehen, erahnen, da vorne ein großer Nadelstrauch gepflanzt wurde, eine Art antikommunistischer Gartenbau. Früher hingen an der Wand die Bilder verdienter Arbeiter. In diesem Kunstwerk fanden der Sozialismus und die in der tschechoslowakischen Tradition starke abstrakte Kunst einmal zu einer gelungenen Verbindung, wodurch es ein schönes Symbol des sozialistischen tschechoslowakischen Staats war. Diesen Staat gibt es nicht mehr und im heutigen Tschechien ist ein rabiater Antikommunismus die Staatsdoktrin.

Es überrascht deshalb, daß im Haus U Švagerků auch der örtliche Sitz der KSČM (Komunistická strana Čech a Moravy – Kommunistische Partei von Böhmen und Mähren) und ihrer Zeitung Haló noviny ist.

Offenbar ist das Gebäude nach wie vor im Besitz der Partei, was erklärt, wieso die Gedenktafel nie entfernt wurde. Die Arbeiterbewegung ist wieder zurück, wo sie vor hundert Jahren war, scheint es, am Rande, in den Vorstädten. Doch es ist noch schlimmer: Zwar behielt die KSČM anders als die anderen Nachfolger der einstigen Staatsparteien stur das „kommunistisch“ im Namen und bekommt regelmäßig etwa 15 Prozent der Stimmen – nicht wenig in der zersplitterten tschechischen Parteienlandschaft – ist aber eine bestenfalls sozialdemokratische Partei mit einem starken Einschlag nostalgischer Russophilie. Ihr offizielles Symbol sind weder Hammer und Sichel noch fünfzackiger Stern, sondern – Kirschen.

Bleibt die Erinnerung an die glorreiche Zeit, als die Arbeiterbewegung und ihr Staat Hradec Králové für immer veränderte.

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