Nieuwe Kerk Groningen

Neu ist die 1665 erbaute Nieuwe Kerk (Neue Kirche) im nordwestniederländischen Groningen unzweifelhaft in städtebaulicher Hinsicht.

Stehen die beiden älteren großen Kirchen der Stadt irgendwie seitlich am etwa rechteckigen Grote Markt (Großen Markt) oder am Ende des langgezogenen Vismarkt (Fischmarkts), mehr oder weniger also dort, wo sie die Zufälligkeiten der Stadtentwicklung hinsetzten, so steht die Nieuwe Kerk in der Mitte eines großen quadratischen Platzes. Er und damit sie bilden den Mittelpunkt einer geplanten Stadterweiterung des 17. Jahrhunderts, die sich durch ein regelmäßiges rechtwinkliges Straßenraster auszeichnet.

Aber die Nieuwe Kerk steht nicht nur in der Mitte des Platzes, sie paßt auch dorthin. Der Grundriß des Backsteinbaus ist ein griechisches Kreuz, also ein Plus, dessen Enden zu den Platzseiten zeigen.

Genau in der Mitte, im Kreuzungspunkt der Dächer, sitzt ein kleiner offener Turm aus Holz. In die Zwischenräume des Kreuzes sind niedrigere Bauteile gesetzt, die seine Ecken verbinden und so einen dreieckigen Grundriß haben. In ihnen sind Portale, auf die Wege von den vier Ecken des Platzes zuführen.

Die Architektur ist somit perfekt den Bedingungen des Städtebaus angepaßt. Eine typischere Kirchenform, die ein Vorne und ein Hinten hat, hätte auch den Platz hierarchisch geteilt. Durch die gewählte allansichtige Form aber gibt es keine Hierarchie, jede Seite ist gleich wichtig und die Nieuwe Kerk ist wirklich Mittelpunkt des Platzes und des neuen Stadtteils. Das ist neu.

Schwieriger ist die Frage nach dem Neuen, was ihren Stil betrifft. Die Eckbauten gleichen mit zwei hohen Geschossen mit eckigen vertikalen Fenstern eher Bürgerhäusern als sakraler Architektur und haben teils tatsächlich eine Wohnfunktion. Die Portale sind niedrig und haben antikisierende Ornamente wie sie in den frühen Barock passen. An den Enden des Kreuzes sind jeweils zwei hohe und eher schmale Fenster, die zwar mit runden Bögen enden, aber doch sehr gotisch wirken. Gleiches gilt für das runde Fenster, das noch weiter oben in der Mitte ist. Über den hohen Fenstern sind völlig bezuglose Tempelgiebelchen angeklebt. Die tatsächlichen Giebel scheinen zu spitzen Dreiecken vor einem Satteldach werden zu wollen, aber die Kirche hat Walmdächer, so daß sie wie abgeschnitten mit Balustraden enden müssen.

Alles wirkt, als werde hier eine Architektur, die einerseits noch von der Gotik zehrt, andererseits aber schon bereit ist, losgelöst von allen Traditionen neue funktionale Lösungen zu finden, in antikisierende Moden hineingezwungen. Zugleich lassen sich aber auch die etwas lächerlichen Zierformen schwer in Stilbegriffe wie Renaissance oder Barock fassen. Denn nichts, rein gar nichts,  hat diese protestantische niederländische Kirche mit dem zu tun, was zeitgleich in katholischen Ländern entstand, was den geringen Wert von Stilbezeichnungen zeigt.

Das spezifisch Niederländische an der Nieuwe Kerk sieht man auch daran, daß sie kein Einzelstück und kein Original ist, sondern so stark an die Amsterdamer Noorderkerk (Nordkirche) angelehnt, daß man von einer Kopie sprechen kann.

Die Noorderkerk entstand bereits 1622 und hat an den Giebelseiten etwas aufwendigere und nicht ganz so offensichtlich lächerliche Verzierungen. Der entscheidende Unterschied aber ist die städtebauliche Einordnung. Die Noorderkerk steht in der Ecke eines kleinen dreieckigen Platzes am Beginn der Prinsengracht (Prinzenkanal), so daß zwei Seiten zu schmalen Straßen zeigen.

In Amsterdam ist die Allansichtigkeit der Kirche verschwendet, da sie ob ihrer Lage dennoch ein Hinten und Vorne hat. Sie könnte auch irgendwie anders aussehen, müßte es vielleicht. In Groningen aber ist es der umgebende Platz, der die architektonische Form fordert. Die Noorderkerk zu kopieren und in die Mitte eines Platzes zu stellen, war im eigentlichen ein schöpferischerer Akt als die Noorderkerk zu bauen. Wie in Groningen mit einem Versammlungsgebäude, das groß und repräsentativ, aber nicht erdrückend monumental ist, ein städtebaulicher Mittelpunkt geschaffen wird, das ist auf gelungene und ungewöhnliche Weise neu.

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