Ein Gebäude in Türkis

„Kommunistische“ Architektur sei grau, hört man oft. Dem gegenüber steht dann implizit die Buntheit des Kapitalismus. Völlig falsch ist das, wie die meisten anderen Vorurteile, nicht. In der Tat baute die fortschrittliche Architektur des Sozialismus gerne mit rohem grauen Beton. Doch das tat die fortschrittliche Architektur des Kapitalismus ebenfalls und es ist auch nicht ersichtlich, was am vielfältig nuancierten Grau von Beton schlechter sein sollte als etwa an dem Grau von Stein. Überdies liebte der Sozialismus auch die Farbe. Ein schwer zu übersehendes Beispiel steht in Brno an der Hněvkovského (Hněvkovský-Straße), einer großen Ausfallstraße im Süden.

Alle Gebäude dieses Bürokomplexes sind ganz und gar nicht grau, sondern türkisgrün. Sie verdanken das einer Verkleidung aus kleinen quadratischen Kacheln, deren heller türkisgrüner Grundton von unregelmäßig eingestreuten dunkleren Kacheln variiert wird.

Es ist wirklich zuerst die Farbe, die man an diesem Gebäude sieht, so stark wirkt sie, ohne dabei grell zu sein. Sie begleitet einen auch, wenn man sich die Zeit nimmt, die Architektur näher zu erkunden.

Der Mittelpunkt ist ein parallel zur Straße stehendes neungeschossiges Bürohochhaus. Seine Breitseiten haben außer der Verkleidung nur Fensterbänder, doch etwas neben der Mitte sind Treppenhäuser leicht vorgesetzt. Sie haben nur an den Schmalseiten schmale Fenster und wirken so als vertikale türkisgrüne Streifen, die die vorherrschenden Horizontalen durchschneiden. Das oberste Geschoss ist fensterlos und mit vertikal strukturiertem dunklen Metall verkleidet. An der südlichen Schmalseite ist ein weiteres Treppenhaus, das aber im Gegensatz zu den anderen weit vorgesetzt ist und dank Glasflächen an den Breitseiten völlig transparent wirkt. Es mag an der alles bestimmenden Farbe liegen, daß das Glas einen leichten Türkisstich zu haben scheint. An der zur Stadt zeigenden nördlichen Schmalseite ist bloß in der Mitte ein vertikales Fensterband. Doch diese flankierend und dann wieder außen ist die Verkleidung in zwei breiten Streifen leicht vorgesetzt, so daß über dem transparenten Erdgeschoß die Vertikalen stark betont sind.

Der zweigeschossige Sockelbau verläuft erst parallel zur Straße, dann quer, wo mittig das Hochhaus an ihn stößt, und dann wieder parallel. Das Erdgeschoß hat dabei im letzten L-förmigen Teil große Schaufenster, während die Obergeschosse nur links und rechts deutlich zurückgesetzt aufragen. Durch vorgesetzte vertikale Verkleidungsstreifen, die denen der vorderen Schmalseite des Hochhauses entsprechen, wirken sie skulptural und wie vom Erdgeschoß losgelöst.

An der Ecke zu einer großen Querstraße rahmt dieser Sockelbau den kleinen Mariánské náměstí (Marienplatz). Er ist heute zuerst Parkplatz, doch in seiner Mitte ist noch immer ein runder Brunnen mit einer hohen stählernen Skulptur. Sie besteht aus zu einem Kreis angeordneten Scheiben, die oben treppenartig vorspringen.

Es ist ein abstraktes Kunstwerk, wie es für die Tschechoslowakei typisch ist. Zu den einfachen, aber markanten Formen und der Farbe des Gebäudes paßt es gut, während zum Namen des Platzes, vielleicht nicht zufälligerweise, kein Zusammenhang zu erkennen ist.

An der Südseite des Hochhauses führt ein verglaster Brückentrakt im zweiten Geschoß zu einem weiteren dreigeschossigen Bau, der mit seinen konventionellen Fensteröffnungen ganz banal wäre, wäre nicht auch er türkisgrün verkleidet und ragten aus dem Dach nicht mehrere große Parabolantennen.

Ein weiterer Brückentrakt verbindet dieses Gebäude mit einer quer zur Straße stehenden Halle.

Ihre hohe Schmalseite scheint ein einziger türkiser Block zu sein, auf dem leicht zurückgesetzt das Dach auf milchigen Glasflächen zu schweben scheint. Es ist erst flach, steigt aber dann in Richtung Hochhaus schräg an und seine Seiten – sind türkis verkleidet.

An der Seitenwand der Halle ist ein weiteres abstraktes Kunstwerk aus verschlungenen dickeren und dünneren Linien, in dem man, vielleicht wegen der dann folgenden Bahnstrecke, eine Gleislandschaft erkennen mag.

Zwischen den einzelnen Gebäuden sind Verkehrsflächen und Parkplätze, aber auch Wiesen mit großen Bäumen, die ihr eigenes, andersartiges Grün beisteuern.

Das Bemerkenswerteste an diesem Komplex ist letztlich nicht einmal die Farbe, sondern die Tatsache, daß die Farbe überall ist. Nicht nur das Hochhaus und die zur Straße zeigenden Seiten nämlich sind türkisgrün verkleidet, sondern alles. Die Rückseiten der Sockelbauten, die Flächen zwischen den rückwärtigen Toren der Halle, alles. Fast lächerlich oder aber selbstironisch wird es, wenn sogar ein kleiner Verteilerkasten nicht ohne die Verkleidung bleibt.

Erst ganz hinten im ersten Hof findet sich eine offenbar ältere Halle mit gelbbraunem Putz. Aber sogar hier ließen es sich die Architekten nicht nehmen, wenigstens den an die neuen Gebäude grenzenden Teile der Schmalseite in Türkisgrün nachzuzeichnen.

Man kann es übertrieben finden, daß hier alles mit dieser Verkleidung gleichsam übergossen ist, aber es sagt auch viel über den Sozialismus. Es gibt hier keine prunkvolle Schauseite und keine häßliche Rückseite. Was nur die dort tätigen Arbeiter sehen, ist nicht weniger wichtig als das, was die weitere Öffentlichkeit sieht. In der türkisgrünen Verkleidung drückt sich der Wunsch nach Ganzheit, nach Einheit aus. Der Kapitalismus kann das niemals verstehen und das zeigt er auch mit dem, was er an dem Gebäudekomplex veränderte. Die zur Stadt zeigenden Schmalseite nutzt er als riesige Plakatwand. Zudem verkleideten einige Geschäfte die Erdgeschoßflächen des Sockelbaus neu. Und die Farbe die sie dazu wählten war – grau.

Es gibt manches über die Buntheit des  Kapitalismus zu sagen. Das banalste, an diesem Gebäude schön zu exemplizieren, wäre, daß es eben die Buntheit der Reklame ist. Weniger banal ist Ronald M. Schernikaus Aussage: „Wer die Buntheit des Westens will, wird die Verzweiflung des Westens kriegen“.  Aber, und das ist an diesem Gebäude noch besser zu zeigen, oft ist sie nicht einmal bunt.

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