Alt und Neu an der Pomorska

Es ist ein sehr fotogener Kontrast: vor den zehngeschossigen fortschrittlichen Wohngebäuden ein einziges kleines Einfamilienhaus.

Es hat einen akkurat umzäunten Garten mit Garage, einigen Bäumen und Marienschrein. Es ist also ein ganz normales polnischen Häuschen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie man es von den Vorstädten bis in die Dörfer überall finden könnte. Allein hier, im nördlichen Gdańsker Wohngebiet Żabianka, auf der rechten Seite der Straße Pomorska, wo es sonst kein anderes Einfamilienhaus gibt, wird es auffällig. In dieser Umgebung wirkt es wie ein Exponat in einem Freilichtmuseum. „Seht, so haben unsere Vorfahren gelebt!“ scheint es dem kopfschüttelnd Vorbeikommenden sagen zu wollen.

Diese Rolle, als Schaustück aus einer überwundenen Vergangenheit, wäre dem Haus an der Pomorska auch zu wünschen. Selbstverständlich müßte es dann tatsächlich ein Museum sein und niemand dürfte dort wohnen. Doch so ist es ja leider nicht. Allzuviele, die das Haus in dieser Umgebung sehen, sehen wohl leider nicht das etwas verquere Alte inmitten des besseren Neuen, die Hütte vor den egalitären Palästen, sondern etwas Erstrebenswertes, das Ziel alles kleinbürgerlichen Luxusstrebens.

Den selbstgebauten Schrein mit der massengefertigen Marienfigur könnte man für sich genommen als harmlosen Ausdruck eines noch volkstümlichen Glaubens, als ein wenig aus dem litauischen, ukrainischen oder auch kleinpolnischen Dorf in die große nachdeutsche Stadt mitgebrachte Ländlichkeit, begreifen. Doch leider weiß man, daß der polnische Katholizismus stärker denn je ist und politisch wie künstlerisch tagtäglich weit Schlimmeres anrichtet.

So ist das Häuschen an der Pomorska leider nicht bloß eine rührende Erinnerung an schlechtere Zeiten, sondern eine traurige Erinnerung an den gegenwärtigen schlechten Zustand der Welt.

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