Das alte Hradec Králové

Hradec Králové ist eine jener Städte, bei denen auf beinahe langweilige Art offensichtlich ist, wieso sie gerade dort entstanden, wo sie entstanden. Es liegt auf einem Hügel beim Zusammenfluß von Labe (Elbe) und Orlice in der ansonsten eher flachen ostböhmischen Landschaften. Der Hügel erstreckt sich etwa quer zur Elbe nach Osten und seine Ränder bilden die gleichsam natürliche Grenze des alten Hradec Králové.

Aus Hyhlík, Vladimír/Přeučil, František: Východní Čechy, Praha 1978

Eine Straße, die steil hinaufführt und sich dann teilt, ein großer Platz, der sich als unregelmäßiges Dreieck verjüngt und kaum, daß er zur Straße geworden scheint, auf einen kleinen etwa quadratischen Platz stößt, eine Straße, die steil hinabführt, nördlich einige enge Parallel- und Querstraßen – das ist dieses alte Hradec Králové. Es war im 18. Jahrhundert bereits einmal größer, doch dann wurde es zur Festung ausgebaut und die Vorstädte abgerissen. Vor dem Hügel blieben einzig die Kasernen im Süden. Diese Einkesselung durch die Festungsmauern konservierte das alte Hradec Králové noch etwas mehr als andere tschechische Städte. Heute ist es  „městská památková reservace“ (städtisches Denkmalgebiet, wörtlich Denkmalreservat) und kann wie ein harmonisches Ganzes erscheinen. Dabei ist es ein Kampf!

Auf der nur kurzen westlichen Seite des Platzes ragt ein Gewirr von Türmen empor wie ineinander verkeilte Lanzen.

Aus Autorenkollektiv: Hradec Králové, Praha 1970

Die Hauptkontrahenten sind die beiden spitzen hohen Türme der gotisch-neogotischen Backsteinkirche links und die beiden viel niedrigeren Türme des barocken Rathauses rechts, die mit elegant gewölbten und offenen Hauben enden. Doch der dazwischen stehende Bílá věž (Weiße Turm) übertrumpft sie alle. Er ist ein Renaissancebau, der aber mit riesigen spitzbögigen Fenstern, in denen Säulen sich um etwas Antike bemühen, noch klar der Gotik verpflichtet ist. Riesig und dunkel steht er da, bedrohlich, beinahe monströs. An ihn heftet sich rechts wiederum eine barocke Kapelle mit einer schlanken Kuppel, auf der noch ein vergoldeter Aufsatz in Form zweier gekreuzter Schlüssel und einer Krone ist.

Auch die beiden langen Seiten des Platzes verbindet wenig, ja, sie stehen sich feindlich gegenüber.

Aus Havel, Jiří: východočeským krajem, Praha 1984

An der Nordseite vielfach umgebaute Häuser, die alle noch durch Arkaden im Erdgeschoß verbunden sind. An der Südseite einheitlichere, größere Gebäude aus dem Barock: der Bischofspalast und insbesondere das Jesuitenkolleg, zu dem eine zweitürmige Kirche gehört. Sie stehen einerseits für eine fortschrittlichere, großzügigere Architektur, aber andererseits für die gewaltsame Rekatholisierung einer Stadt, in der noch lange hussitische Traditionen nachgewirkt hatten. Die jesuitische Kirche kümmert sich erst recht nicht um die Symmetrie oder Harmonie des Platzes, sie steht einfach dort, wo es ihr paßt, und gewinnt, indem sie sich nicht an ihnen beteiligt, alle Kämpfe, die an der Westseite stattfinden. Diese barocke Architektur ist ein absoluter Fremdkörper in der mittelalterlichen Stadtstruktur, das Neue und Gute, aber zugleich auch ein beinahe kolonialer Ausdruck von Macht.

Daß all diese Gegensätze und Kämpfe heute als das einheitlich schöne Alte erscheinen, ist der nie oft genug zu nennenden „Patina des Alters” (Georg Piltz) geschuldet. Selbst die paar Jugendstilgebäude im schmaleren Teil des Platzes, deren Bau um die vorige Jahrhundertwende für Erregung sorgte, fallen jetzt kaum noch auf.

Scheinbar unbeteiligt, weil losgelöst, freistehend, sind einzig die Kunstwerke: auf dem großen Platz eine hohe Mariensäule umgeben von vielen Heiligen und auf dem kleinen Platz ein Johannes von Nepomuk.

Die aufgehaltene Ausbreitung von Hradec Králové konnte sich erst im späten 19. Jahrhundert, nachdem die Festung geschleift worden war, fortsetzten. Aber auch da wuchs es nur zögerlich und wenig. Um den Hügel, vor allem zur Elbe hin, entstand historistische Wohnbebauung. Nördlich wurden ein Park und eine Prunkstraße mit k.k. Repräsentationsbauten angelegt, Hradec Královés  ziemlich bescheidene Version der Ringstraße. Alles aber blieb klein und provinziell, geprägt von Armee und Kleinbürgertum. Einziges Zeichen der Industrialisierung war eine große Brauerei, die im südwestlichen Teil des Hügels auf Resten der Festung entstand. Die wirkliche Entwicklung geschah fernab beim Bahnhof, wo Industriebetriebe und eine Arbeitervorstadt heranwuchsen. Der alles entscheidende Moment für Hradec Králové war dann das Jahr 1918 und die Entstehung der Tschechoslowakei.

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