Unterführungen in Hradec Králové

Unterführungen sind ein problematisches städtebauliches Instrument. In ihrer typischsten Form, wenn eine Treppe hinab, ein Tunnel unter der Straße hindurch und eine weitere Treppe wieder hinauf führt, repräsentieren sie die Unterordnung des Fußgängers unter das Auto und sind abzulehnen. Auch im ostböhmischen Hradec Králové finden sich einige solcher Unterführungen, insbesondere am Schnellstraßenring, der das weitere Zentrum umgibt

Doch außerdem gibt es dort zwei Unterführungen ganz anderer Art.

Die eine ist Mitten im Zentrum an einer wichtigen Kreuzung auf dem Weg vom Bahnhof zur Altstadt (Třída Karla IV/Střelecká). Ihren Beginn kann man beinahe übersehen, so unmerklich sanft senkt sich der Boden.

Schon hat man die Straßenebene verlassen und geht zwischen Betonwänden, in denen ein Rillenmuster komplizierte große Pfeilelemente bildet.

Unter der Straße ist dann eine breite und helle Passage mit Schaufenstern auf beiden Seiten, die teils zu Werbe- oder Informationsflächen, teils zu Geschäften gehören.

Statt Beton dominieren nun das Glas und die schwarz-silbernen Rahmen der Schaufenster. Auf der anderen Seite geht es in so sanfter Steigung zwischen gemusterten Betonwänden hinauf, wie es zuvor hineingegangen war.

So gestaltet ist eine Unterführung kein umständliches Hindernis, sondern eine wertvolle Erleichterung für den Fußgänger. Sie zu gehen wird ihm nicht aufgezwungen, sondern ist ihm selbstverständlich. Bei typischen Unterführungen werden Eilige immer den Drang verspüren, die Straße oberirdisch zu überqueren, hier aber fiele das niemandem ein, weil es sinnlos wäre.

Ein zweiter Teil der Unterführung entspricht dann der typischen Form. An ihrem zentrumsseitigen Ende besteht die Möglichkeit, statt des Wegs eine Treppe hinaufzugehen und nach links zweigt ein weiterer schmalerer Gang ab, von dem auf der anderen Straßenseite eine weitere Treppe hinaufführt.

Über den Treppenaufgängen sind kleine Aufbauten mit verglasten Seiten, wie sie oft die typischen Unterführungen markieren.

Von der Straße würde man nur diesen Teil der Unterführung sehen, nicht aber ihren weit besseren, da der sich so unmerklich, gleichsam natürlich in den städtischen Raum einfügt. Aber auch die Betonmuster der Wände drängen gleichsam nach oben. Als Verkleidung für einen Belüftungs- und Stromverteileraufbaus an der einzigen Ecke, zu der die Unterführung nicht führt, werden sie beinahe zur abstrakten Skulptur.

Die zweite Unterführung ist im südlichen Wohngebiet Moravské předměstí (Mährische Vorstadt) dort, wo sich dessen zentrale Straße in einem Kreisel spaltet und zu den Seiten abzweigt (třída E. Beneše/Palachova).

Ist die Umgebung auch völlig anders, so bleibt doch das Prinzip das gleiche. Es gibt keine Treppen, stattdessen fällt das Gelände beidseits der Straße zur Kreuzung hin sanft ab und verschiedene Wege führen auf die Unterführung zu. Wieder gibt es Betonwände, hier aber als weit ausgreifende geschwungene Form mit vertikalen Rillen. Oben sind orangene Geländer, vor ihnen verlaufen orangene Handläufe und in der Mitte ist unter einer großen weißen Fläche der Durchgang.

Die eigentlichen Unterführungen sind hier nur sehr kurz. Man tritt durch sie in ein offenes Oval in der Mitte des Kreisels.

An einer Schmalseite ist eine halbrunde gemusterte Betonwand, an den Breitseiten sind aufsteigende Beete mit dichtem Nadelgebüsch und oben legt sich wieder das orangene Geländer darum.

Es ist ein überraschender Ort, den man hier durchquert, Ort des Durchgangs, aber zugleich freundlich, ja, einladend. Die Öffnung zum Himmel und das Grün erfüllen dieselbe Funktion wie im Zentrum die Schaufenster: sie nehmen der Unterführung das Dunkle und Abweisende. Auch hier gibt es keinen Grund, die Unterführung nicht zu nutzen und schon das beweist, wie gut sie gestaltet ist.

Diese beiden Beispiele aus Hradec Králové zeigen, daß kein städtebauliches Instrument grundsätzlich schlecht ist. Es kommt immer darauf an, wie es benutzt wird. Im ersten Fall setzt die fortschrittliche Stadtplanung die Unterführung zur Lösung eines Problems in der überkommenen Stadt ein. Im zweiten Teil, wo sie Teil einer umfassenden fortschrittlichen Planung ist, kann man schon kaum mehr von einer Unterführung sprechen.

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