Mennonitenkirche Gdańsk

Wenn man sich mit dem Zug von Süden her dem Hauptbahnhof von Gdańsk nähert, etwa auf der Höhe der SKM-Station Śródmieście, sieht man am Hang über den Gleisen ein kleines weißes Gebäude.

Zwischen den kaiserzeitlichen Mietskasernen, die sich den Biskupia Górka (Bischofsberg) hinaufdrängen, sticht es durch seine große Schlichtheit hervor.

Es hat einen rechteckigen Grundriß, an den Breitseiten je fünf große und hohe rundbögige Fenster, schmale Pilaster mit winzigen ionischen Kapitellen, ein leicht gestuft überstehendes und elegant geschwungenes Walmdach, das so wohlproportioniert ist wie das ganze Gebäude.

Soviel sieht man bereits vom Zug und wenn man näher kommt, wird es kaum mehr. Der Eingang an der zur Straße zeigenden Schmalseite ist irgendwie vorgesetzt, an der anderen Seite ist irgendein neuerer Anbau, aber das ist egal.

Radikale Einfachheit, die sich ihrer letzten Ornamente fast schämt, zeichnet das Gebäude aus. Es wurde 1819 gebaut und würde so dem Klassizismus zuzuordnen sein, gar als ein mustergültiger Ausdruck dieses Stils gelten. Aber viel wichtiger ist es, zu betrachten, was dieses Gebäude war: eine mennonitische Kirche.

Weiß man dies, wird die Stileinordnung sinnlos, denn sakrale Architektur, die freiwillig oder aus äußerem Zwang, von größter Kargheit geprägt war, gab es schon lange vorher. Immer waren es die Minderheiten, die so bauten, meist also die Juden. Daher ist es kein Zufall, daß diese mennonitische Kirche nicht viel anders aussieht als etwa die Synagoge in Włodawa, deren Erbauung noch in den Barock fällt. Selbstverständlich war die Situation von Anhängern radikaler protestantischer Sekten und Juden in vielem verschieden, aber beide standen sie außerhalb der protestantischen oder katholischen Staatsreligionen ihrer Zeit.

Auch die Lage der Kirche am Rand der Stadt paßt dazu. Als die Mennoniten, Teil der Wiedertäuferbewegung der Reformationszeit und benannt nach einem friesischen Priester, aus ihren süddeutschen und niederländischen Kerngebieten flüchten mußten, siedelten sie sich unter anderem bei Gdańsk an, da die polnische Rzeczpospolita ihnen Religionsfreiheit gewährte. Eigennützig war das nicht, denn die Mennoniten galten als talentierte und fleißige Bauern und Handwerker. Und wohlgemerkt lebten sie bei Gdańsk, nicht in, denn Bürger der Stadt konnten sie erst ab 1800 werden. Ihre neue Kirche bauten sie an dieser Stelle, weil sie so sowohl für die in den Vororten lebenden Mennoniten als auch für die, die ihre neuen Möglichkeiten nutzten und nach Gdańsk zogen, gut erreichbar war.

Es ist eine gewisse Ironie, daß das so zurückhaltende Gebäude durch die später angelegte Bahnstrecke in eine exponierte Lage versetzt wurde und nunmehr gerade durch seine schlichte weiße Gestalt auffällt. Doch selbst das gilt nur im Winter; in den warmen Jahreszeiten versteckt es sich hinter hohen Bäumen.

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