Tschechoslowakische Bahnhöfe: Poprad-Tatry

Der Bahnhof Poprad-Tatry am Fuße der Hohen Tatra ist die Apotheose der tschechoslowakischen Bahnhofsarchitektur. Oder er wäre es, wenn er je fertig geworden wäre. Schon auf den ersten Blick ist offenkundig, daß er etwas Besonderes ist:

Seine Halle ist quer über die Gleise gebaut, ja, sie hängt an einem freiliegenden Stahlskelett aus zwei horizontalen Balken und leicht schrägen V-Trägern über den Gleisen.

Von der Mitte der Gleise steigt dieser aufgehängte Bauteil sanft zu den Seiten an, wobei er auf der einen Seite höher und länger als auf der anderen wird. Auf dieser Seite, schon nach dem Ende des äußeren Skeletts, werden die verglasten Wände der Halle kaum merklich durch die Fensterreihen von Büroräumen abgelöst. Zuletzt sechsgeschossig, aufgestützt und mit einer leicht schrägen metallverkleideten Wand an der Schmalseite, durchbricht der Bauteil einen parallel zu den Gleisen verlaufenden Bürobau, der so ebenfalls in einen kürzeren und einen längeren Teil gegliedert wird.

Sein Sockel ist zweigeschossig und mit quadratischen Platten aus rauem roten Stein verkleidet. Darüber sitzen größere zweigeschossige kubische Teile, die mit vertikalen sandfarbenen Kacheln verkleidet und durch schmale vertikale Stahlstreben strukturiert sind. Die Schmalseite am längeren Ende des Bürobaus, wo die Post ist, nimmt wieder die Formen des aufgehängten Bauteils auf.

Im zweiten Geschoß ragt sie vor und steigt als dunkel verglaste Fläche leicht nach hinten an. Oben steht in einer eigens geschaffenen Schrift, in der die As sehr stilisiert fast schon Berggipfel, die Ps fast schon Sicheln und die Rs fast schon Hämmer und Sicheln sind, der Bahnhofsname: Poprad-Tatry.

Daß der Bahnhof diesen Doppelnamen, in dem sowohl die Stadt Poprad als auch das Gebirge Tatra enthalten sind, nicht umsonst trägt, merkt man bald, wenn man nicht nur seine Form, sondern auch seine Funktionsabläufe erlebt.

Von den Bahnsteigen gelangt man über Treppen und Rolltreppen hinauf in die Halle. Ihr Inneres entspricht dem, was von außen zu erwarten ist, und überrascht dennoch.

Die vertikalen Streben zwischen den golden getönten Scheiben werden von ihren beiden Schmalseiten in dem Maße schräger, wie das Dach niedriger wird, so daß der Raum in einer komplizierten Bewegung begriffen scheint.

So leitet die Halle einen zu beiden Seiten weiter.

Ihr höherer und längerer Teil führt in die Stadt, nach Poprad. Am Ende dieses Teils sind ein Aufenthaltsbereich mit verstreuten sechseckigen Bänken und der Eingang des Restaurants. Im Obergeschoß legt sich darum eine hufeisenförmige Galerie, zu der rechts eine Treppe führt. Während die Wände und Stützen unten rote Steinverkleidung haben, sind die Ränder der Galerie und die Wand darüber, wo eine weitere Treppe in ein weiteres Geschoß führt, gelb gestrichen oder mit runden gelben Kachelmustern verkleidet.

Noch vor diesem Bereich am Hallenende führen Treppen und Rolltreppen zwischen zwei großen Stützen mit roter Steinverkleidung hinab in die Schalterhalle. Sie liegt nur noch etwas höher als die Gleise und öffnet sich nach vorne mit einer Fensterfront zu einer großen Terrasse auf dem Dach eines flachen Vorbaus.

Noch einmal Treppen und Rolltreppen und man ist in diesem Vorbau, der links und rechts sowie vorne am Ende einer eher dunklen Ladenpassage Ausgänge hat. Links geht es in einen Park und weiter ins Zentrum von Poprad, rechts an einem historistischen Hotelbau vorbei zum Busbahnhof und vorne nach den Geschäften und einem Steinrelief mit alten Gebäuden ebenfalls gen Zentrum.

So ragt der Bahnhof mit dem Vorbau weit in die Stadt hinaus, macht sich so selbstbewußt wie feinfühlig zum Teil von ihr, wirft gleichsam eine Landungsbrücke aus, um die vom Zug kommenden Menschen in sie hineinzuleiten.

Kommt man geradewegs auf den Vorbau zu, scheint die Schmalseite des über die Gleise gesetzten Bauteils, die über dem Glas der Schalterhalle auf massiven Stützen ruht, fast zu schweben. Beidseits des breiten vorderen Eingangs des Vorbaus schwingen sich mit hellem Stein verkleidete Treppen mit spiegelbildlichen Dächern zur Terrasse auf, während über ihm ein Relief aus demselben Stein ist.

Es zeigt das geflügelte Rad, altes Symbol des Eisenbahnwesens, aber es hat nichts Altes mehr, es scheint in so schneller Bewegung, daß es sich vervielfacht, während die Flügel zu Linien, die nur noch Geschwindigkeit ausdrücken, geworden sind.

Der niedrigere und kürzere Teil der Halle führt in die Tatra. Über den Ausgängen wird der glatte rötliche Stein der Halle zu einem großen  Relief, das in einer eckig stilisierten Bergsilhouette einige Blumen, sich anblickende Gesichter im Profil, das Wappen von Poprad und in die Berge führende Linien zeigt.

Man tritt hinaus auf einen aufgestützten überdachten Mittelbahnsteig, mit dem sich die Halle draußen fortsetzt.

Links sieht man bei günstigem Wetter das, was Relief ankündigte: die Gipfel der Hohen Tatra, die zuvor durch das getönte Glas eher zu erahnen waren.

Hier fährt die TEŽ ab, die Tatranská električká železnica, die Elektrische Tatrabahn. Umgangssprachlich wird sie einfach električka genannt, was im Slowakischen sonst Straßenbahn heißt, doch der Hochbahnsteig erinnert eher an den einer U-Bahn.

Tatsächlich ist es ein Nahverkehrssystem, das hier seinen Ausgang nimmt, aber eben eines, das nicht durch eine Stadt, sondern durch die Berge führt. Von Poprad im Tal gelangt man mit der TEŽ bis in die Touristenorte hoch oben am Hang, wo die Wanderwege, Lifte und Seilbahnen weiter ins Gebirge führen. Diese Bahn ist es auch, die die Linien im Relief darstellen.

Der Bahnhof Poprad-Tatry ist denn das Tor in die Tatra. Er ist zentraler Teil der über bloße Infrastruktur weit hinausgehenden, eher schon städtebaulichen Maßnahmen, mit denen die Tschechoslowakei ihr Hochgebirge erschloß. Er ist nicht bloß der Bahnhof von Poprad, sondern auch der Bahnhof der Tatra, weshalb sein Name paßt. Er ist eine Schnittstelle zwischen Fernverkehr in die ganze Tschechoslowakei und darüber hinaus, Nahverkehr in die Tatra und fußläufigem Zugang nach Poprad. Aus diesen Funktionen ergibt sich seine ganze Architektur. Er sitzt wie eine Krone über den Gleisen nicht etwa, weil das so hübsch aussieht, sondern weil es so sinnvoll ist.

Auch unter der enormen Zahl bemerkenswerter Gebäude, die die tschechoslowakische Bahnhofsarchitektur hervorgebracht hat, nimmt der Bahnhof Poprad eine besondere Stellung ein. Denn so vielfältig diese Bahnhöfe, die von der Hauptstadt Prag bis in die fernste Provinz über das Land verstreut liegen, sein mögen, ist den meisten doch der grundlegende Aufbau gemein: ein Eingangsgebäude mit Halle als Verbindung zur Stadt und hinter diesem die Gleise, die mal durch Unterführungen, mal durch ebenerdige Übergänge verbunden sind. Dazu ein Bürogebäude für die verschiedenen Verwaltungsfunktionen und eine Post. Kritisch könnte gesagt werden, daß dadurch die Gleise, die für den Bahnhof das wichtigste sein sollten, in den Hintergrund gerückt werden. Neue funktionale Verbindungen von Gebäuden und Gleisen oder auch nur klassische Bahnsteighallen finden sich sehr selten. Der Bahnhof Poprad-Tatry zeigt, daß die Bahnhofsarchitektur der Tschechoslowakei auch das ganz Neue konnte. Er verbindet die verschiedenen Elemente auf neue Art und hebt die Halle empor über die Gleise. 1977 begonnen und 1983 eröffnet, ist er ein weiteres Glied in einer großartigen Entwicklung.

So unangreifbar stark ist der funktional-architektonische Kern des Gebäudes, daß ihm keine Widrigkeit etwas anhaben kann. Sein größtes Problem war, daß er bei seiner Eröffnung nicht fertig war. Es fehlten die Verbindungen von der Halle zu den Bahnsteigen, die so zwangsläufig zu ihm gehören. Dann kamen all die Veränderungen der späteren Jahre: die Tönung der Hallenfenster ist dreckig verlaufen, das Restaurant ist geschlossen, die Terrasse ist unzugänglich, der an den Gleisen stehende Bürobau hat eine vulgarisierende Wärmedämmung, so daß die ursprüngliche Verkleidung nur noch bei der Post sichtbar ist, und im Sommer 2016 waren weitere Umbauten im Gange.

Immerhin bekam der Bahnhof die nötigen Verbindungen zur Halle, die an deren Architektur anzupassen aber niemand für nötig hielt.

Der Sozialismus war, wie hier überdeutlich zu erkennen ist, die Bedingung für diese Architektur. Nach seinem Wegfall blieb die Apotheose aus. Auf das Ende der tschechoslowakischen Bahnhofsarchitektur folgte keine nennenswerte tschechische oder slowakische Bahnhofsarchitektur. Statt Vollendung sieht man am Bahnhof Poprad-Tatry all die Wunden der letzten fünfundzwanzig Jahre, aber auch die Möglichkeiten einer Zukunft. Vielleicht wäre Apotheose ohnedies ein unpassender Begriff für etwas, was einfach eine Entwicklung zum Besseren war, ein Fortschritt. Und was auch noch mit diesem Bahnhof passieren mag, durch seine enorme Funktionalität wird er immer das Tor in die Tatra und ein architektonisches Meisterwerk bleiben.

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