Die Rückseite von Oliwa

Die Klosterkirche von Oliwa im Norden von Gdańsk ist ein vom Barock veränderter gotischer Bau. Gotik und Barock sind eine häufige, aber schwierige Kombination. Häufig jedenfalls in diesen Breiten, wo die Kirchen in der Gotik gebaut und im Barock umgebaut wurden, während es kaum sakrale Architektur der Renaissance gibt. Schwierig, weil Gotik und Barock so unterschiedlichen Prinzipien folgen. Die Gotik ist bestimmt von der Kühnheit und Klarheit der Konstruktion und monumental, vertikal, der Barock hingegen von der Vielfalt der Schmuckformen und verspielt, horizontal. Dies gilt jedenfalls grundsätzlich, obwohl es auch klarst konstruierten Barock und horizontalste Gotik gibt. Es gibt drei verschiedene Möglichkeiten des Aufeinandertreffens von Gotik und Barock und alle drei kann man am Kloster Oliwa erleben.

Die Vorderseite der Klosterkirche zeigt die ungünstigste Möglichkeit.

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Zwischen zwei hohen dünnen Backsteintürmchen bleibt dem Barock nur eine hohe und schmale Fläche, mit der er gar nichts anzufangen weiß. Er rundet die Spitze des einen gotischen Fensters ab, klebt puttenumringte goldene Marien- und Jesus-Monogramme auf, schlägt zwei weitere geschwungene Fenster hinein, schreibt noch schnell das Datum 1771 hinzu und beendet das Ganze mit einem kleinen Giebel.

So nimmt der Barock dem Gotik die Klarheit und die Gotik zwingt den Barock ins Monumentale. Auch das schon 1688 errichtete Portal schafft es nicht, dieser Fassade ein wenig menschliches Maß zu geben.

Alle Bemühungen des Barock sind hier vergebens und wirken so verzweifelt wie die kleine Maria und der kleine Jesus, die sich in den namensgebenden Olivenbaum eines Reliefs geflüchtet zu haben scheinen, ohne daß ihnen das Gold ihrer Kronen dort noch viel nützte.

Die Längsseite der Klosterkirche zeigt die wohl typischste Möglichkeit der Verbindung von Gotik und Barock.

Vor dem gotischen Baukörper stehen ein kleiner Eingangsbau und eine größere Kapelle aus dem Barock, aber sie interessieren sich überhaupt nicht für ihn, sie bemühen sich nicht im geringsten, auf ihn Bezug zu nehmen, sie stehen einfach in selbstbewußter Gleichgültigkeit davor. Hier verbinden sich Gotik und Barock überhaupt nicht, sondern stehen bloß beieinander.

Der Rückseite der Klosterkirche bleibt es denn vorbehalten, die beste Möglichkeit der Verbindung von Gotik und Barock zu zeigen. Auf dieser Seite sind die einzigen beiden Strebebögen in Oliwa, diese markantesten Elemente der gotischen Baukunst.

Sie schwingen sich von den niedrigen Pfeilern des Chorumgangs schräg zu den beiden hintersten Pfeilern des Chors auf,  die eine Fläche mit spitzbögigem Fenster rahmen. Dieses Fenster nun nahm der Barock auf. Wie bei den anderen Fenstern des Schiffs ließ er die Form unangetastet, aber krönte seine Spitze noch mit einem kleinen Kreuz in einem eigens dafür angebrachten weißen Putzstreifen. Statt nur mit neuen Fenstern füllte er diese spitzbögige Fläche auf seine eigene Art. Unten ist ein großes und rundes Fenster, ganz wie der Barock es mag, und darüber ist ein weißes Relief. Es zeigt rechts einen Greif, der nach links gewandt an einer Art Pult mit Wappen, Bischofshut und -stab, einem Altar vielleicht, steht und oben etwas links der Mitte einen weiteren Olivenbaum, in dem diesmal Gott und Jesus sitzen.

Alles ist hier in Bewegung, die Seiten des Pults geschwungen und zu beiden Seiten dünne Ranken, die auch aufspritzende Wellen sein könnten. Hier greift der Barock feinfühlig das Beste der Gotik, die Strebebögen, auf und verwandelt es mit seinem Kunstwerk.

Zuerst mag es überraschen, daß dies hier geschieht, an der Rückseite. Wieso befindet sich dieses Kunstwerk, das so viel gelungener und lebendiger wirkt als alles an der Vorderseite, gerade hier, wo es doch keiner sehen kann? Die Antwort ist einfach: einer konnte es sehen. Die Rückseite ist nicht einfach eine Rückseite, sondern die Seite, die zum Abtspalast zeigt. Durch eine Mauer getrennt, aber direkt daneben ist ein Vorplatz des Palasts. Er ist ein recht einfacher Barockbau, zwei Geschosse mit großen Fenstern, im mittigen Giebel ein Fenster, dessen Form dem an der Vorderseite der Kirche ähnelt, und die Pilaster auf rokokohafte Rankenornamente reduziert, die denen im Relief an der Rückseite ähneln.

Der Abt Jacek Rybiński, der die Klosterkirche barock umbauen ließ, ließ sich auch diesen Palast errichten. Er steht genau so, daß er die Kirche zu seinem rechten Seitenflügel macht, und genau deshalb befindet sich dort das Relief.

Während die monumentale Vorderseite und auch die nonchalante Längsseite für das Publikum, das gemeine kirchenbesuchende Volk gedacht waren, existierte diese Rückseite nur zum Privatvergnügen des Abts Rybiński. Erst dadurch, daß er das Schönste an der Kirche gleichsam zum Teil seines Palasts machte, zeigte sich Rybiński so wirklich als Kirchenfürst. Daraus ergibt sich dann die Interpretation des Reliefs: das Wappen auf dem Altar ist Rybińskis, darauf liegen die Isignien seines Rangs, der Altar und der daraus wachsende Olivenbaum sind das Kloster und der so selbstbewußt stehende Greif, das ist doch wohl er selbst, Abt von Oliwa.

Rybiński war der letzte, der sich so fühlen konnte, und er erlebte noch, wie sehr er sich mit seiner Selbsteinschätzung getäuscht hatte. Er war der letzte polnische Abt von Oliwa und der letzte, der zugleich weltlicher Herrscher war, da die Gegend 1772 in der ersten polnischen Teilung Preußen eingegliedert, der Klosterbesitz verstaatlicht und das Kloster 1831 schließlich aufgehoben wurde. So überrascht es auch nicht, daß der Blick auf diese gotisch-barocke Symbiose heute von großen Bäumen fast verdeckt ist.

Darin eine bewußte antikatholische Maßnahme der preußischen Landschaftsarchitektur zu sehen, wäre so verlockend wie zweifelsohne übertrieben. Eher zeigt es einfach, wie leicht das Gefühl für architektonische Zusammenhänge, die in der Erbauungszeit offensichtlich waren, verloren geht.

Kirche und Palast, als Einheit gedacht, sind heute auseinandergerissen, gehören in verschiedene Welten. Wenn man vor der Kirche steht, ahnt man vom Palast nichts, und wenn man vorm Palast steht, ahnt man nicht, was die Strebebögen beim Chor bergen.

Was einst Privatvergnügen des Abts war, ist heute Vergnügen all derer, die genau genug hinschauen.

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