Goldenberg und die Anarchie

Im 15. Bezirk sitzt das Hauptquartier der Wiener Anarchisten, eine zweimal in der Woche kurz geöffnete Buchhandlung, also beachtet man es kaum, wenn man an einer Wand in der Kranzgasse den dümmlich-coolen Spruch „Bildet Banden!“ mit A als Anarchistenlogo sieht.

AnarchistenGoldenberg

Doch dahinter, in weniger geübten Buchstaben und hellerer Farbe, steht noch etwas weit Interessanteres: Goldenberg.

Goldenberg, das war – ist! möchte man hoffen – eine Jugendgang, die Mitte 2015 durch die kostenlosen Boulevardzeitungen der Stadt geisterte, als einige ihrer Anführer zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Schon der Name faszinierte – sollte es sich tatsächlich um eine jüdische Gang handeln? Dann die Tatsache, daß die Mitglieder sich allesamt den Nachnamen Goldenberg zulegten, der Gründer etwa nannte sich Max Goldenberg. Schließlich das Bild von der Verhandlung, auf dem neben einigen vage südländischen Typen auch ein Schwarzer zu sehen war. Das nun war wirklich außergewöhnlich, da die meisten Gangs eben entlang ethnischer Linien organisiert sind. Zur Erklärung braucht man übrigens nicht einmal von Kulturen und ähnlich Kompliziertem zu reden, es genügt schon, sich der praktischen Vorteile einer gemeinsamen, für Außenstehende unverständlichen Umgangssprache bewußt zu sein. Goldenberg war anders. Offenkundig hatte Max Goldenberg da etwas Herausragendes geschaffen.

In den Boulevardzeitungen gab es zu diesen faszinierenden Umständen erwartungsgemäß nichts, sie erschöpften sich in der moralistischen Verurteilung des Verbrechens, die sie nur, wenn es um mittelalte weiße Bordellbesitzer geht, manchmal ablegen. In einem späteren ausführlicheren Artikel in einer obskuren Zeitschrift (im Internet nur noch eine Ankündigung verfügbar) erfuhr man dann wenigstens, daß die Bande ihr Entstehen dem Charisma Max Goldenbergs verdankte und sich einer aus Kampfsportfilmen zusammengeklaubten individualistischen Selbstoptimierungsideologie verpflichtet fühlte, dem alten „Wenn man nur an sich glaubt, kann man alles erreichen“. Im Kern stammte die Bande aus Favoriten, dem migrantischen 10. Bezirk, aber sie hatte Anhänger in der gesamten Stadt. Im Kern war sie, wie Max selbst, tschetschenisch, aber sie hatte Anhänger verschiedenster Nationalitäten. Religion spielte offenbar keine besondere Rolle.

"Wir sind wenige, aber wir sind überall" - tschetschenische Aufschrift im Wertheimsteinpark. Man beachte die unsicheren kyrillischen Buchstaben und die in ihrer Mischung aus kyrillischen und lateinischen Zeichen kaum mehr verständliche tschetschenische Bezeichnung für Tschetschenien.

„Wir sind wenige, aber wir sind überall“ – russischsprachige tschetschenische Aufschrift im Wertheimsteinpark. Man beachte die unsicheren kyrillischen Buchstaben und das erste Wort, die in ihrer Mischung aus kyrillischen und lateinischen Zeichen kaum mehr verständliche tschetschenische Bezeichnung für Tschetschenien.

Doch auch der ausführlichere Artikel kam über auf andere Art moralistisches Verständnis für das Verbrechen nicht hinaus und konnte so nicht zum Kern des Phänomens Goldenberg vordringen: der äußersten Seltenheit multiethnischer und noch dazu überkonfessioneller Gangs. Dazu bedürfte es einer amoralischen Bewunderung für das Verbrechen.

So betrachtet, stellt das Entstehen einer Bande wie Goldenberg sogar einen Erfolg der Integrationspolitik der Wiener Stadtregierung da. Statt sich untereinander zu bekriegen, tun sich die Migranten zusammen, um gemeinsam Supermärkte, noch dazu im reichen 1. Bezirk, zu überfallen.

Auch der faszinierende Name paßt dazu. Man liest zu ihm verschiedene Erklärungen: er soll entweder von einem Berg im Kaukasus, vom amerikanischen Unternehmer Mark Zuckerberg oder vom amerikanischen Wrestler Goldberg stammen. Aber wie niemand es für nötig hielt, zu recherchieren, ob es so einen Berg gibt (eher nicht), wurde auch nirgends thematisiert, inwieweit es für die Gang wichtig war, daß gleich zwei ihrer möglichen Namenspaten Juden sind. Sicherlich aber ist das Ablegen der alten, fremdartig klingenden Namen zugunsten eines deutsch-jüdischen ein Akt der Integration, ja, Assimilation. Man könnte da an die afro-amerikanische Schauspielerin Whoopi Goldberg denken, die ihren Nachnamen wählte, weil ihre Mutter ihr sagte, daß ein jüdischerer Name helfe, in Hollywood Erfolg zu haben. Aber das sind Fragen, die nur echter Journalismus beantworten könnte und so bleiben sie denn unbeantwortet.

Anti-Goldenberg-Aufschrift in Favoriten

Anti-Goldenberg-Aufschrift in Favoriten

Die Anarchisten nun können von einer an Goldenberg heranreichenden Organisationskraft im migrantischen Proletariat nur träumen – und genauso auch die anderen linken Grüppchen, von den weniger idiotischen bis zur offen islamistischen Linkswende. Das Nebeneinander der beiden Schriftzüge – dem Namen der wirklichen Bande und der hippen Forderung, Banden zu bilden, der nie nachgekommen wird, von der ihr Schreiber nicht einmal zu erklären wüßte, was er denn verfickt noch mal damit meint – dieses Nebeneinander offenbart ein weiteres Mal die Lächerlichkeit des Anarchismus.

Sollte es in unseren Breiten einmal dazu kommen, daß der Staat zerfällt, daß es Anarchie gibt, daß die Menschen Banden bilden müssen, um zu überleben, daß es also wird wie in, sagen wir, Libyen, dann werden die Anarchisten gewiß nicht darauf vorbereitet sein, Goldenberg aber vielleicht eher. Fraglich ist bloß, ob dann noch für den sympathisch multiethnischen Charakter der Gang Platz wäre oder ob er sich, genauso eigentlich wie der hiesige Anarchismus, als Nebeneffekt der gemütlichen Wiener Sozialstaatlichkeit herausstellen würde.

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