Ein Kaufhaus in der Provinz

Manche Gebäude machen unsicher. Aus welcher Zeit stammt dieses Dom Služieb (Haus der Dienste) am Námestie SNP (Platz des SNP) im nordwestslowakischen Städtchen Rajec?

Hohe Schaufenster im Erdgeschoß, die in der Mitte, wo der Eingang ist, nach innen geschwungen sind. Eine Verkleidung aus vertikal gesetzten gelb-grauen Kacheln. Mittig vor den beiden Obergeschossen ein vorgesetzter Rahmen um Fenster und vertikale Streben aus Beton. Ganz rechts neben dem Schaufenster kleine vertikale und quadratische Fenster in unregelmäßiger Anordnung und in verschiedenen Farben.

Das alles könnte für die fünfziger Jahre sprechen, auch der Name klingt danach.

Aber dann kommt man in einen großen glasüberdachten Innenhof, um den in den Obergeschossen ovale Galerien mit Stahlgittergeländer verlaufen.

Und ist das nun ein Hof, eine Passage, eine Markthalle? Ist es groß oder klein, offen oder geschlossen? Etwas will nicht zum Sozialismus, der großzügig über städtischen Raum verfügen konnte, passen.

Nein, eher wirkt es, als habe hier ein Unternehmer versucht, auf einem letztlich kleinen Grundstück ein modernes, großstädtisches Gefühl zu erwecken. Es muß ein Gebäude aus der kapitalistischen ersten tschechoslowakischen Republik sein oder aus dem klerikalfaschistischen Tiso-Staat oder aus den paar halbkapitalistischen Jahren, die die wiedervereinigte Tschechoslowakei nach dem Krieg erlebte. Trotz der Schnörkellosigkeit der Formen bleibt dabei noch immer ein Nachgeschmack vom 19. Jahrhundert mit seinen nach innen gewandten Passagen.

Letztlich ist es ein Blick auf die Brandmauer an der Seite, wo ein Nachbarbau fehlt, und auf die Rückseite, der alle Gedanken an die Fünfziger verschwinden läßt.

Aber daß sie aufkommen konnten und auch jetzt noch etwas Unsicherheit bleibt, zeigt, was für ein eigenartiges, seltsam aus allen Zeiten gefallenes Gebäude dieses Kaufhaus ist, ein Kleinod. Manche Architektur kann nur in der Provinz entstehen.

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