Erkundungen auf Friedhöfen: Zwangstaufen und Hoffnung

Politisch kann man am gegenwärtigen Polen leicht verzweifeln. Daß es keine Linke gibt, die diesen Namen verdient hat, muß kaum erwähnt werden, doch es gibt auch keine erwähnenswerte Partei, die sich zumindest links nennt. Die wichtigsten Parteien sind stattdessen die liberale PO, der politische Arm der Europäischen Union, und die rechte PiS, der politische Arm des polnischen Katholizismus. Da die PiS zu ihren reaktionären gesellschaftspolitischen Ansichten auch eine gemäßigt sozialstaatliche Politik betreibt, gewann sie in letzter Zeit alle Wahlen, zur großen Überraschung aller, die meinten, daß es Polen doch total super gehe, weil in den großen Städten einige Leute in outgesourcten Bürojobs arbeiten dürfen.

Der politische Diskurs ist noch etwas schlimmer, als diese Rahmenbedingungen erahnen ließen und das sieht man auch im städtischen Raum. So gibt es im Gdańsker Stadtteil Wrzeszcz eine große Straße namens Aleja Żołnierzy Wyklętych (Allee der verfemten Soldaten), an der sich ein diesen gewidmetes großes Wandbild befindet.

Mit der glorifizierenden jungen Bezeichnung żołnierzy wyklęci sind die Mitglieder reaktionärer Banden gemeint, die nach Kriegsende noch einige Zeit mordend durch ländliche Gegenden Polens zogen, weil sie nicht akzeptieren konnten, daß die Sowjetarmee ihr Land befreit hatte. So groß war ihr Haß auf Kommunisten und Juden, was ihnen ein und dasselbe war, daß sie ihren absurden Kampf in einer Zeit führten, in der die ganze Welt nur Friede und Wiederaufbau wollte. Entsprechend schnell wurden diese Banden von den polnischen Sicherheitsorgangen zerschlagen und ihre Führer hingerichtet.

Künstlerisch bewegt sich die Gestaltung auf niedrigem Niveau: aus einem grün-blauen Tarnmuster werden grün-blaue Wolfsformen im Wald, dazu Porträts der Banditen und das Gedicht „Wilki” (Wölfe) von Zbigniew Herbert.

Aber es ist das niedrige Niveau der allermeisten Streetart; diese hat statt der typischen liberalen Aussage eben eine rechtsradikale.

Um zu sehen, daß es auch ein anderes Polen gab, eines, daß die reaktionären Banden besiegte, um so gut es ging den Sozialismus aufzubauen, muß man heute schon auf einen Friedhof gehen. Der Friedhof Srebrzysko liegt gar nicht weit von der Straße mit dem Wandbild entfernt. Auch hier zeigt sich Polen als das sehr katholische Land, das es heute so stolz sein will. Überall die standardisierten Gräber mit den etwas aus der Erde ragenden Steinkästen, unter denen die Särge liegen, den Kreuzen und den Steinen, deren Inschriften mit Ś.p. (świętej pamięci, seligen Andenkens) beginnen. Auch hier muß man das andere Polen suchen.

Aber dann findet man sie, die Gräber ohne christliche Kreuze und mit andersartigen Inschriften. Direkt in der ersten Reihe rechts des zentralen Wegs, nur etwas höher am bewaldeten Hang, sind einige von ihnen, Ehrengräber verdienter Bürger der Stadt aus den Sechzigern. Ihre Gestaltung gleicht den üblichen Gräbern, aber sie stammen aus einem anderen Land, das es nie so ganz gab, für das die hier Begrabenen aber alles gaben.

Towarzysz, Genosse, nennen sich die Toten hier stolz, manchmal Tow. abgekürzt, und sie waren verdiente Funktionäre der Arbeiterbewegung, haben in Spanien gekämpft oder bei der Verteidigung von Hel und waren in der KPP (kommunistische Partei Polens in der Zwischenkriegszeit) und der PPR (illegale kommunistische Partei Polens zur Zeit der deutschen Besatzung) oder in den kommunistischen Parteien anderer Länder. „Cześć ich pamięci!“, Ehre ihrem Andenken, fordern sie noch immer trotzig. Das Zeichen dieser Menschen ist das vielleicht nicht schöne oder sozialistische, aber zumindest nicht religiöse Kreuz des Ordens Polonia Restituta (Orden der Widererrichtung Polens).

Der 1987 verstorbene Józef Szweda, schon nicht mehr towarzysz, hatte sogar den Order Budowniczych Polski Ludowej (Orden der Erbauer Volkspolens), die höchste Auszeichnung seines Landes.

Die meisten dieser Gräber werden noch gepflegt, protzige Grablichter, wie sie in Polen zu bestimmten Feiertagen in großen Menschen auf Friedhöfen abgeladen werden, stehen auch hier. Manchmal merkt man, daß den Nachkommen ihre kommunistischen Vorfahren peinlich sind. Im Falle von Władysław Ginko löste die Natur das Problem und das Grab der Ehefrau, mit Kreuz und Ś.p., konnte drohend schräg hinter das des armen towarzysz, der das immerhin nicht mehr erleben mußte, gesetzt werden.

In einem anderen Fall mußte bei Restaurierungen zensierend eingegriffen werden: auf das Grab von Leon Derdowski wurde ein christliches Kreuz gemalt, was einer posthumen Zwangstaufe oder einer Zwangs-letzten Ölung gleichkommt.

Aber auch so bedeuten die wenigen Gräber auf diesem Friedhof am Rande von Wrzeszcz und die von ihnen geweckte Erinnerung an die großartigen Frauen und Männer, die die PRL aufbauten, vor allem Hoffnung. Menschen ändern sich schnell. So unmöglich es heute scheint, daß in Polen – oder meinetwegen Saudi-Arabien – die Religion zurückgedrängt wird und der Sozialismus siegt, so schnell kann das unter den richtigen Bedingungen geschehen. Wie Ronald M. Schernikau sagte: „Das sind Angelegenheiten bloß eines Jahrhunderts“.

Hier einige der Menschen, die einst in besseren Wandbildern zu rühmen sind:

Gen.
Władysław Wołowiec
1895 – 1972
Verdienter Funktionär der Arbeiterbewegung
Ehre seinem Andenken

Gen. Andrzej Gruszecki gest. 26. XI. 1965
Gen. Anna Gruszecka gest. 13. VII. 1978
ehem. Funktionäre der KPP und der PPR
ausgezeichnet mit Offizierskreuzen [des Ordens Polonia Restituta]
Ehre ihrem Andenken

Leon Derdowski
geb. 30.VI. 1916
gest. 21.V. 1966
Verdienter Funktionär der Arbeiterbewegung, Teilnehmer der Kämpfe in Spanien 1936 – 1939
Ehre seinem Andenken

Hier ruht Genosse Władysław Ginko
geb. 19.II. 1904
gest. 5.II. 1969
Ehre seinem Andenken

Józef Szweda
28.02.1915 – 21.09.1987
Teilnehmer an der Verteidigung von Hel im Jahre 1939
Verdienter Funktionär der Arbeiterbewegung
Ehre seinem Andenken!

Hier ruht
Gen. Józef Zamojski
Teilnehmer der Internationalen Brigade in Spanien
geb. 26.IX. 1902
gest. 2.VII. 1959
ehemaliges Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs, der Kommunistischen Partei Spaniens, der PPR und der PZPR (Vereinigte Arbeiterpartei in der Volksrepublik Polen)
Ehre seinem Andenken

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