Leeres Zittau: Urbex

Urbex ist kein besonders schönes Wort. Daß es wie das Außenhandelsunternehmen eines halb-sozialistischen Zwergstaats klingt, wäre noch kein Problem, wenn nicht das, was es bezeichnet – die Erkundung leerstehender Gebäude – so interessant, schön und wichtig wäre. Urbex nämlich steht für Urban Exploration (städtische Erkundung), was auch schon viel besser als die Abkürzung klingt. Zu schade, daß es kein besseres Wort dafür gibt. Doch in Zittau brauchten wir gar kein Wort dafür. Wir sagten „in ein Haus einsteigen“ oder „in ein Haus gehen“. Oder wir sagten gar nichts und taten es einfach.

Denn in Zittau, das seit 1990 etwa die Hälfte seiner Bevölkerung verloren hat und wo jedes zweite Gebäude leersteht, war das, was unschön Urbex genannt wird, eine Selbstverständlichkeit, eine Alltäglichkeit und brauchte daher keine Bezeichnung. Es erforderte keinen Aufwand, keinen Mut, kaum auch nur eine bewußte Entscheidung. So müde und verloren war dieses Städtchen in der hintersten Ecke dieses neu-alten Deutschlands, dessen Entstehung es zerstört hatte, daß sich oft nicht einmal jemand bemühte, die Zugänge zu den Gebäuden zu versperren und wenn doch, dann oft eher symbolisch. Wer hätte es auch tun sollen? Besitzer gab es keine und die Stadtverwaltung hatte Besseres zu tun, wenn auch nicht ganz klar ist was.

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So war Zittau für alle, die wollten, ein einziger großer Abenteuerspielplatz. Leben in Zittau war die das Leben in einer friedlichen und freundlichen postapokalyptischen Welt. Zur einen Hälfte war sie bewohnt und das Leben nahm in ihr erstaunlicherweise seinen alltäglichen Gang, zur anderen Hälfte war sie verlassen, aber auch dort lauerten meist weder Monster und Mutanten noch realere Gefahren.

Im leeren Zittau gab es fast alles, was es im bewohnten Zittau gab – alte und neue Wohnhäuser, Kneipen, ein Kino – und manches, was es in diesem nicht gab – Kasernen, Fabriken. Diese beiden Zittaus lebten meist in friedlicher Koexistenz, nur manchmal wurden leere Gebäude abgerissen, nur manchmal stürzten leere Gebäude, die zwanzig, fünfundzwanzig Jahre sich selbst überlassen gewesen waren, ein und gefährdeten bewohnte Nebengebäude.

Ob es in Zittau Urbex gab, weiß ich nicht. Vermutlich schon. Urbex als modischer Abenteuertrend von Menschen mit guten Kameras, die von ihren Explorationen dann YouTube-Videos machen. Vermutlich kamen sie aus ihren großen Städten auch mal nach Zittau. Aber sie waren Touristen, während wir mit den leeren Gebäuden lebten. Ob unsere Videos besser gewesen wären, ist gar keine wichtige Frage, denn Zittau wäre nicht Zittau gewesen, wenn wir dort je etwas anderes gemacht hätten als zu leben.

Und Leben im Verfall macht müde. So wunderbar alles in dem Ruinenspielplatz Zittau auch war, immer schwebte im Hintergrund eine gewisse Melancholie. Zittau hatte offenkundig keine Zukunft und so lag auch für jeden einzelnen von uns die Zukunft anderswo. Wir zogen weiter und waren viellelicht nur Touristen anderer Art gewesen. Vielleicht passiert es uns heute mal, wenn wir irgendwo anders ein leerstehendes Gebäude betreten, daß wir Urbex betreiben. Aber wenn es im folgenden um einige Erlebnisse im leeren Zittau gehen soll, dann geht es nicht um Urbex.

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