Neuburg-Schwalbanger

Schwalbanger ist das andere Neuburg, auf der anderen Seite des Bahndamms, fernab der herausgeputzten Pracht der Altstadt auf dem Hügel, die sich stark dem sympathischen Größenwahn des Pfalzgrafen Ottheinrich im 16. Jahrhundert verdankt, fernab aber auch der westdeutschen Provinztrostlosigkeit der weiteren Innenstadt. Es ist das, was man in der DDR ein Plattenbauviertel nennen würde und wovon in Westdeutschland lieber gar nicht geredet wird.

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Schwalbanger beginnt kurz nach der Bahnbrücke mit einem langen Gebäude, das aus vier-, drei-, sechs-, fünf-, wieder drei- und schließlich neungeschossigen Teilen besteht.

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Es ist nicht nur in der Höhe, sondern durch viele vor- oder zurückgesetzte Teile auch in der Fläche differenziert, so daß es trotz der weißen Verkleidung und dem Blau-Gelb oder Braun der Balkone kaum wie ein einzelnes Gebäude wirkt. Auf beiden Seiten verlaufen Fußwege, auf denen man zwangsläufig tiefer ins Wohngebiet kommt, da sie nach rechts durch einen zugewachsenen Hügel und ein zweigeschossiges Ladengebäude von der namensgebenden Straße Am Schwalbanger und nach links durch nur halb unterirdische Garagen von der weiteren Umgebung getrennt sind.

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Sobald man an der nach links geschwungenen Richard-Wagner-Straße steht, überblickt man auch schon ganz Schwalbanger. Links der Straße einige lange viergeschossige Gebäude und rechts von ihr punktartige achtgeschossige Gebäude, die aus zwei Teilen um ein verglastes Treppenhaus bestehen.

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Sie stehen locker verteilt zwischen Grünflächen, in denen Spielplätze und Bänke angeordnet sind. Wo früher ein Supermarktgebäude war, ist nun ein neues banales Wohngebäude.

Links des Schwungs der Straße erhebt sich das Gebäude, das den selbstverständlichen, fast möchte man sagen: natürlichen Mittelpunkt von Schwalbanger bildet. Es besteht aus einem achtgeschossigen Bauteil, der mit seiner recht breiten Schmalseite zur Straße zeigt, und einem links angefügten langen dreigeschossigen Bauteil, der am Enge zweigeschossig abknickt.

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Die vorgesetzten Balkone wirken, als seien sie aus weißgetünchten Betonplatten, größeren für Seiten und Böden, kleineren für die Geländer, nicht nur zusammengefügt, sondern baukastenartig zusammengesteckt. Beim höheren Bauteil zeigen solche Balkone nur zur Straße und nach rechts, während links nur kleine horizontale Fenster und einzelne freischwebende Balkone sind.

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Doch nichts des bislang Beschriebenen würde genügen, das Gebäude zum markanten Mittelpunkt des gesamten Wohngebiets zu machen. Dafür ist das, was zwischen den beiden Bauteilen ist, nötig. Unten, über dem verglasten Eingangsbereich, sind zwei Terrassenstufen mit geschwungen ansteigenden, wannenartigen Geländern aus horizontal gemasertem Beton. Oben, dem hohen Bauteil angefügt und ihn noch um ein Geschoß überragend, ist ein verglastes Treppenhaus, das nach links von einem noch weiter aufragenden eckigen Schornstein abgeschlossen wird.

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So wird das Gebäude, 1972 als Altersheim der Heiliggeist Bürgerspital-Stiftung, errichtet, zum höchsten des Wohngebiets und wohl zum höchsten von ganz Neuburg. Die geschwungenen Formen des Eingangs unten setzen sich als Muster in der Fläche des Schornsteins fort. An dessen rechtem Rand steigen eine dicke blaue Linie und mit etwas Abstand eine dünnere braune Linie auf, um weit oben in einem Schwung auf den linken Rand stoßen, wo eine zweite hellblaue Linie beginnt und spiegelbildlich bis zum oberen Ende der Schornsteins führt. Die dazwischen entstehende schwarze Fläche erinnert an ein liegendes Cocktailglas, an den Ještěd, an die Seiten von Alterlaa oder einen Kraftwerkskühlturm. Alles Assoziationen, denen Schwalbanger gerecht wird, denn, wie man es auch nennen mag, es ist ein gelungenes fortschrittliches Wohngebiet, klein, unprätentiös, einfach nur ein angenehmer Ort zum Wohnen.

Und Schwalbanger hat Glück, denn so fernab vom übrigen Neuburg ist es gar nicht. Über die Augsburger und Adolf-Kolping-Straße erreicht man schnell den Bahnhof und über die Münchner Straße halbwegs schnell die Innenstadt und die Altstadt.

Man kommt so auch zum vielleicht schönsten Ort in Neuburg. Es ist eine Bank vor der südöstlichen Ecke der Stadtmauer. Sitzt man dort oben, liegt einem die Stadt zu Füßen. Man kann dem Verkehr lauschen und hin und wieder einen Zug vorbeifahren oder einen Düsenjäger vom Luftwaffenstützpunkt aufsteigen sehen. Sitzt man dort oben, sieht man damit ganz Neuburg. Zwischen all den roten Dächern ragen nur die Post, die Fabrikanlagen von Hoffmann Mineral und eben Schwalbanger auf.

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Schwalbanger ist wirklich ein anderes, neues Neuburg, das weit weniger provinziell ist als etwa seine Innenstadt. Ottheinrich könnte stolz darauf sein.

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