Silvio Macetti (N.K.)

Silvio Macetti war nur nebenbei Architekt. Im Hauptberuf war er Revolutionär und dafür benutzte er seinen echten Namen, den er auch im Pseudonym nicht ganz aufgeben wollte: Noureddin Kianouri. Er stammte aus dem Iran und war führender Funktionär der Tudeh-Partei, der kommunistischen Partei des Iran.

Vielleicht, wenn alles anders gekommen wäre, wenn Briten und Amerikaner nicht 1953 die fortschrittliche Regierung Mossadegh gestürzt hätten, vielleicht würde man den Namen Kianouri als den eines führenden Architekten eines sozialistischen Iran kennen. Vor dem danach installierten Shah-Regime floh der damals etwa vierzigjährige Kianouri ins Exil, erst in die Sowjetunion, dann in die DDR, wo er in Berlin ein neues Zuhause und eine geeignete Basis für sein politisches Wirken fand.

Irgendwo unterwegs legte er sich für seine Nebentätigkeit den Namen Silvio Macetti (N.K.) zu. Exil und vordringlichere politische Aufgaben pflegen nicht die besten Voraussetzungen für Architekturpraxis zu sein, daher bleib sein architektonisches Wirken auf die Theorie beschränkt. In den Sechzigern und frühen Siebzigern veröffentlichte er viele Artikel in der Zeitschrift „deutsche architektur“ und deren Nachfolgerin „Architektur der DDR“. Ein italienischer Name fiel darin so sehr auf wie ein persischer aufgefallen wäre, aber auch so stachen Macettis in distinguiertem, wenn auch vielleicht manchmal etwas ungewöhnlichen Deutsch verfaßtem Texte oft aus den, ohnedies hochinteressanten, Meinungsstreits der Zeit heraus. Man spürte, daß hier jemand schon weit über das gegenwärtige Baugeschehen hinausdachte – vielleicht eben, weil er daran nicht aktiv beteiligt war – und eine sehr bestimmte Vorstellung davon hatte, wie eine sozialistische Architektur aussehen sollte.

Liest man Macettis 1968 erschienenes Buch „Großwohneinheiten“, findet man das auf eindrucksvolle Weise bestätigt. Es ist ein Werk, dessen Bedeutung für eine sozialistische Architekturtheorie gar nicht zu überschätzen ist und es wäre das auch, wenn sein Autor eine weniger interessante Gestalt gewesen wäre. Doch man liest es anders, wenn man sein weiteres Schicksal kennt.

Seine Tudeh-Partei gehörte in den Sechzigern und Siebzigern zu den engsten Verbündeten des Islamistenführers Ajatollah Khomeini. Ihre und anderer linker Gruppen Organisationsstrukturen im Teheraner Proletariat trugen zum Sieg der heute islamisch genannten Revolution von 1979 bei. Noch lange nachdem Khomeini selbst die politische Macht übernommen und sich anderer linker Konkurrenten entledigt hatte, hielt die Tudeh-Partei zu ihm. Ihr und Noureddin Kianouri persönlich half das nicht: 1983 wurde die Partei verboten und er nach Folter gezwungen, sich im Fernsehen als sowjetischer Spion zu bekennen. Den Rest seines Lebens verbrachte er im Gefängnis und unter Hausarrest.

In seinem Buch „Großwohneinheiten“ zeigt sich Macetti zum einen als entschiedener Anhänger von Le Corbusier, schon das von ihm geprägte Wort im Titel bezieht sich auf dessen „Unité d’habitation“ (Wohneinheit). Nie macht er aus seiner Bewunderung für ihn einen Hehl, aber er schreibt auch, wie es immer wieder zu schreiben ist: „Durch den sozialen Wohnungsbau kann keine soziale Revolution verhindert werden – wie er [Le Corbusier] glaubt –, sondern die wirklichen Grundlagen für eine umfassende städtebauliche Erneuerung und für ein menschenwürdiges Wohnen aller Menschen können nur durch eine soziale Revolution geschaffen werden.“

Aber er geht weit über Le Corbusier und die anderen Beispiele aus kapitalistischen Staaten hinaus. Ihm ist die Großwohneinheit „im Grunde ein Wohnkomplex mit einem wesentlich höheren Grad der Konzentration der Wohnungen und der Gemeinschaftseinrichtungen in einer baulichen Einheit.“ Die verschiedenen Funktionen, die zuvor jeder Haushalt individuell erfüllen mußte, Wäschewaschen, Kinderbetreuung und Speisenzubereitung etwa, sollen dabei in immer stärkerem Maße vergesellschaftet werden, etwa durch Wäschereien, Kindergärten und Gemeinschaftsküchen. Ein Hauptnutzen der Großwohneinheit ist entsprechend die „Befreiung [der Frau] von der Haushaltsarbeit.“ An ein Zitat von Lenin anknüpfend stellt er fest: „Es genügt nicht, die Gleichberechtigung der Frau gesetzlich festzulegen und grundsätzlich alle Wege zu ihrer allseitigen Entwicklung zu öffnen. Notwendig ist vor allem, die Frau von der Belastung zu befreien, die ihr die Ausübung dieser Gleichberechtigung unmöglich macht.“ Dies ist nichts anderes, als ein radikaler kommunistischer Feminismus, dem die „umfassende Emanzipation der Frau“ keine Frage von Werten oder Moral ist, sondern der für ein konkretes Problem, die Haushaltsarbeit, eine konkrete Lösung, die Vergesellschaftung der Haushaltsfunktionen, vorschlägt.

Vorschlag von Silvio Macetti für eine Großwohneinheit in Halle-Neustadt. Aus Macetti (N.K.), Silvio: Großwohneinheiten, Berlin 1968

Vorschlag von Silvio Macetti für eine Großwohneinheit in Halle-Neustadt. Aus Macetti (N.K.), Silvio: Großwohneinheiten, Berlin 1968

Die Realität der sozialistischen Staaten blieb dahinter, wie man weiß, weit zurück. Während einige Haushaltsfunktionen, etwa die Kinderbetreuung oder auch das Wäschewaschen, in gewissem Maßen vergesellschaftet wurden, wurde es bei anderen, besonders der Speisenzubereitung, kaum auch nur versucht. Dazu gab es bloß Experimente in der Sowjetunion in den Zwanzigern und Sechzigern und in der Tschechoslowakei in den späten Vierzigern, die in Macettis Buch entsprechend viel Raum finden. Schon 1980 liest man im in der DDR erschienenen „Wörterbuch der Architektur“, daß Großwohneinheiten „vielfach in den bisherigen Varianten abgelehnt“ werden.

Das gesamte Ausmaß des Scheitern des Silvio Macetti (N.K.)/Noureddin Kianouri begreift man, wenn man sich verdeutlicht, daß dieser überzeugte Feminist einem der frauenfeindlichsten Systeme der Gegenwart an die Macht half. Heute ist es allzu leicht, ihn dafür zu verurteilen, aber um es zu verstehen, muß man sich die Situation eines Kommunisten in den siebziger Jahren vorstellen. Wie hätte er nicht erfüllt sein können vom historischen Optimismus, daß der Sozialismus siegt? Denn es passierte ja. Wie hätte er sich vorstellen können, daß das Alte, die Religion, gegen das Neue, den Sozialismus, siegen könne? Denn es war ja noch nie passiert. Die Tudeh-Partei glaubte also nicht unbegründet, den Ajatollah für ihre Zwecke zu benutzen. Sie hatte ja die halbe Welt hinter sich und er nur das iranische Kleinbürgertum. In Wirklichkeit aber benutzte er sie.

Das Beispiel von Noureddin Kianouri zeigt, daß man nicht leichtfertig jeden Kommunisten, der sich in ein Bündnis mit reaktionären Kräften begab, verurteilen sollte. Aber es warnt auch davor, aus der iranischen Erfahrung nichts zu lernen und sich im nun bloß noch verantwortungslos naiven Glauben, das Gute werde sich schon durchsetzen, wieder in solche Bündnisse zu begeben. Noureddin Kianouri immerhin hatte das Glück, im Nebenberuf als Silvio Macetti (N.K.) Bleibendes geschaffen zu haben, das zu gegebener Zeit wiederzuentdecken sein wird.

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