Bahnhof und McDonald’s in Gdynia

Der Bahnhof von Gdynia, der nördlichsten und jüngsten Stadt der Trójmiasto, ist ein stalinistisches Gebäude, aber keines von der schlimmsten monumentalen Sorte. Eher ist es auf so unauffällige und unaufdringliche Art konservativ, daß es in jedem Jahr der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden sein könnte.

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Es stammt von 1955. Von der spätstalinistischen Architektur dieser Jahre zeugen vor allem die Vordächer mit den tragenden Säulen, die dann in antennenartigen Fahnenmasten enden.

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Bestimmend sind die hohe vertikal gegliederte Fensterfront der Halle in der Mitte und die etwas niedrigere des Restaurants links. Dahinter schließen sich zu den erhöhten Bahnsteigen noch andere Teile an. Weiter nach links führen Kolonnaden zum Dworzec Podmiejski (Stadtverkehrsbahnhof), der zweigeschossig und halbrund endet.

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An dem Gebäude selbst wäre nichts irgendwie Bemerkenswertes, wäre da nicht die Kunst.

Betritt man den Bahnhof von den Kolonnaden her, passiert man zwei Sitznischen, über denen große Mosaike angeordnet sind. Das eine zeigt eine bunte Unterwasserwelt.

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Das andere zeigt eine Hafenlandschaft mit ihren Kränen, aber ebenso bunt und voller phantastischer Vögel.

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Betritt man den Bahnhof an seinem rechten Ende neben der Halle, kommt man auf einen breiten Durchgang zu, über dem sich ein weiteres Mosaik befindet.

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Es zeigt ebenfalls eine Hafenlandschaft, doch in diese mischt sich fast unmerklich die Unterwasserwelt. Die Ballen in den Netzten der Kräne werden zu Muscheln und Schnecken, die Kräne selbst werden zu schlanken Wasserpflanzen. In diesem Mosaik fließen die Motive der beiden anderen so gleichsam ineinander.

In der Halle selbst sind keine Kunstwerke, doch das links um den Eingang des Restaurants angeordnete Mosaik wirkt stark in sie hinein.

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Wo die anderen überströmen vor Details, ist dieses fast leer. Von der Tür geht eine Art Strahlenkranz von Linien aus, während sich konzentrische Linien eines Kreissegments über sie legen. Es ist eine stilisierte Sternenkarte und auf den Linien sind außer kleinen Sternen ein geflügeltes Rad und zwei geflügelte Pferde, die diese ihre Umlaufbahn entlangzurasen und –galoppieren scheinen.

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Der realistisch-symbolische, aber gänzlich unstalinistische Stil der Mosaike paßt schon besser ins Jahr 1955, besser als das Bahnhofsgebäude selbst. Wie es dem Bahnhof der Hafenstadt Gdynia gebührt, zeigen sie Motive des Meeres, des Hafens und durch das geflügelte Rad auch des Eisenbahnwesens.

Durch die beiden Türen unter Rad und Pferden geht es ins Restaurant, wo heute, wie das gelbe M verkündet, ein McDonald’s ist. Auch dieser ist geradezu gefüllt von Kunst, was man aber auf den ersten Blick ebenso wie in der Halle übersehen kann.

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Sobald man es aber bemerkt, sieht man, daß fast alle Decken- und Wandflächen von Bildern eingenommen sind. In der kleinteiligen Kassettendecke bei den Fenstern schauen aus den quadratischen und kreuzförmigen Feldern allerlei Tier- und Phantasiegestalten herab, meist aus den Ecken.

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In dem großen, aus zwei versetzten langen Rechtecken bestehenden Feld im hinteren Teil der Decke, das über die Theke bis in die Küche reicht, sammeln sich Sternzeichen- und Sternenkonstellationsgestalten um zwei Sonnen zu einem allegorischen Himmel.

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Bei diesen Deckenbildern paßt es einmal, daß man den Kopf in den Nacken legen muß, um sie zu sehen, denn so ist es beim wirklichen Sternenhimmel ja auch.

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Die Wandbilder beginnen über der von der Halle hereinführenden Tür mit einer detaillierten Karte der polnischen Küste.

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In der rechten Ecke des breiter werdenden Raums sind runde Weltkarten, über der mittigen rückwärtigen Tür eine Kompaßrose, in der rechten Ecke eine Karte von Europa und hoch oben eine des Ostseeraums.

Der Höhepunkt ist dabei die Karte von Europa, die auch die gesamte Mittelmeerregion einschließt.

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Alle Städte von Mediolan (Mailand) bis Jerozolima (Jerusalem) sind polnisch bezeichnet. Dazu kommen einige Merkwürdigkeiten, die man politisch oder durch die Unachtsamkeit des Künstlers erklären kann. Auf den ersten Blick, der zwangsläufig zu dem Land, mit dem man am stärksten verbunden ist, geht, ist alles, wie es in den späten Fünfzigern zu erwarten ist: die vertraute Dreiteilung in Westdeutschland, DDR und Westberlin. Auch Polen und die Sowjetunion sind in ihren vertrauen Grenzen zu sehen, doch schon hier stimmt etwas nicht: die baltischen Staaten sind eingezeichnet, obwohl sie damals bereits der Sowjetunion eingegliedert waren. Auch Italien ist in seiner Größe aus der Zwischenkriegszeit, also mit Istrien, gezeigt. Gänzlich merkwürdig ist die Gestalt von Israel, die es nie hatte.

Geben schon diese Merkwürdigkeiten, ob nun gewollt oder nicht, dem nüchternen Kartenmaterial etwas Unklares, Surreales, so werden sie es noch stärker dadurch, daß die Wesen von der Decke in sie hineingefunden haben. Als bunte und freundliche Seeungeheuer tummeln sie sich in allen Meeren. Die Karten gehören somit weniger in die Mitte des 20. Jahrhunderts als in die Zeit des Barock. Überhaupt ist die künstlerische Gestaltung des Bahnhofsrestaurants am besten als barock zu beschreiben. In barocker Weise geht sie auf den Raum ein, verbindet sich organisch mit ihm. Das geht so weit, daß auch die runden Wandlampen in die Bilder integriert sind, etwa als die Sonne in der Sowjetunion.

Es ist ein eigenartiger Raum, der so entsteht, er könnte genausogut wie ein Bahnhofsrestaurant oder einen McDonald’s ein Kuriositätenkabinett beherbergen. Trotzdem ist die Kunst, im Restaurant wie in der Halle, weit weniger konservativ als die Architektur. Freundlich und informativ, sachlich und verspielt, immer dem Menschen zugewandt und unzählige Perspektiven zulassend, können diese Werke von Juliusz Studnicki sogar ein schönes Beispiel sozialistischer Kunst sein. In einem besseren Gebäude wäre sie noch besser aufgehoben, aber so reißt sie den Bahnhof aus der Mediokrität und bestätigt Warhols Satz:

Das Schönste in Gdynia ist McDonald’s.

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