Johannes von Nepomuk in der Straßenbahn

Falls die Stele im Norden von Gdańsk barock ist, dann jedenfalls nicht auf die filigrane südliche Art.

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Sie hat auf rechteckigem Grundriß einen zweistufigen Sockel und einen massiven Hauptkörper, in dessen größerem oberen Teil vorne eine vertikale ovale Nische ist. Die Marienskulptur, die darin geschützt, aber beinahe auch versteckt steht, ist teils vergoldet, aber entschieden unterlebensgroß, eher Puppe als Statue.

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Oben ist eine von vier eckigen Säulen getragene beinahe orientalische Kuppel und unter ihr, ebenfalls geschützt, aber von allen Seiten zu sehen, steht ein Johannes von Nepomuk, nicht vergoldet, aber ebenso puppengleich klein wie die Maria.

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Oben auf der Kuppel ist ein Kreis mit einem Dreieck aus vergoldetem Metall, einfachstes Symbol des dreifaltigen Gottes. Unter und über der Mariennische sind noch Inschriftenfelder ohne Inschriften und den beiden schmalen Seiten der Stele kleinere runde Nischen ohne Inhalt.

Als sie nach 1766 errichtet wurde, stand die Stele wohl auf freiem Feld, an einer Landstraße, unweit des Parks des Pałac Opatów (Äbtepalasts), wohl an einer Brücke über den Potok Oliwski (Oliwaer Bach). Heute steht sie an der Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee), einer der verkehrsreichsten Straßen der Trójmiasto, durch die der Park abgeschnitten ist, während der Bach sie irgendwo unterirdisch durchfließt.

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Aber auch in einer ruhigeren Gegend  würde die Säule fast untergehen, weil hinter ihr kaiserzeitliche vorstädtische Mietshäuser stehen. Direkt dahinter ist zudem ein typischer Sklep spożywco-monopolowy (Lebensmittel- und Spirituosenladen) mit Bierwerbung.

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Nun könnte man sagen, daß dieses Nebeneinander von Marienbild und Schnapsladen ein recht gutes Symbol für das heutige Polen ist, doch mehr noch sagt die Situation der Stele über den gegenwärtigen polnischen Katholizismus aus. Wenn dieser nämlich irgendeine Spur von Geschmack hätte, irgendein Gespür für Welt oder Kunst, dann würde er diese Marien-Nepomuk-Stele in die Mitte des Straßenbahnknotens Oliwa versetzen. Er befindet sich direkt gegenüber auf der anderen Seite der Grunwaldzka.

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Das von Straßenbahnschienen umschlossene Rund seiner Grünfläche, in dem sich offener Rasen mit einigen Bäumen abwechselt, wäre ein perfekter Platz für die Stele. Statt von vorbeirasenden Autos ignoriert zu werden, könnten die Maria und der Johannes von Nepomuk von all den Menschen, die in Oliwa zwischen Straßenbahnen, Bussen und dem etwas entfernteren Bahnhof umsteigen, bemerkt, vielleicht gar betrachtet werden.

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Doch es scheint, als seien die gegenwärtigen starken Religionen, ob nun amerikanischen Protestantismus, wahhabitischer Islamismus oder eben polnischer Katholizismus ganz zwangsläufig Feinde des Schönen. So werden sie nach ihrem Absterben nicht einmal Kunst hinterlassen, dieses einzig wertvolle Abfallprodukt früherer Religionen, diese Krumen vom Tische des Aberglaubens.

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Für den kleinen Nepomuk an der Grunwaldzka kann einem das leid tun, doch weit bedauernswerter ist, daß auch der polnische Sozialismus in seiner Zeit nicht die Kraft hatte, dem Platz im Straßenbahnkreisel ein angemessenes Kunstwerk zu schenken, etwa eines für den hussitischen Zug zur Ostsee oder für Jean Rapp, den napoleonischen Gouverneur der Republik Danzig.

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2 Gedanken zu „Johannes von Nepomuk in der Straßenbahn

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