Wie eine Wandkarte aus der DDR einmal nett zu Polen war

An Wandkarten kann ich mich aus meiner Schulzeit nur noch vage erinnern und ob sie heute durch Beamer-Projektionen minderer Qualität ersetzt sind, weiß ich auch nicht. Ich bin aber glücklicher Besitzer einer großen Wandkarte „Zur deutschen Geschichte 1917-1939“, die von Dr. H. Fiala gestaltet und vom VEB Hermann Haack, dem kartographischen Verlag der DDR, herausgegeben wurde.

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Aus ihr kann man tatsächlich eine enorme Menge an Informationen über die deutsche Geschichte dieser Zeit, aber auch über die des europäischen Auslands erlangen. Wenn man etwa wissen will, wann es in einem Staat zur „Gründung einer kommunistischen Partei“ kam, zeigt es einem ein roter Stern mit Jahreszahl in einem Kreis.

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Und wenn man wissen will, wo sich ein „Zentrum der Kampfaktionen der deutschen Arbeiterklasse Januar 1918 bis Oktober 1918“ befand, erkennt man es an einem weißen Kreis.

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Es ist also immer deutlich, daß es sich um eine Karte aus einem sozialistischen Staat handelt, die die Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung in den Vordergrund rückt. Daß es sich um eine Karte aus der DDR handelt, kann daran erkennen, daß sie für deren Gebiet deutlich mehr Informationen bietet als für Westdeutschland oder für die ehemals deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße.

Interessant ist wie bei jeder Karte auch hier das, was sie nicht zeigt. Viel ist das nicht. Trotz ihrer klar parteiischen Sicht kann man der Karte nicht vorwerfen, irgendetwas falsch darzustellen. Ein wenig aber läßt sie weg und das betrifft vielleicht nicht zufällig immer Polen.

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Zuerst fällt auf, daß der Kartenausschnitt so gewählt ist, daß die Ostgrenze Polens zur Sowjetunion nicht zu sehen ist. Während sich noch sagen ließe, daß die dortigen Konflikte und Kriege mit der deutschen Geschichte nur indirekt zu tun haben, kann das für die Aufstände in Schlesien, die ebenfalls fehlen, kaum gelten, da sie erst die Grenze zwischen Deutschland und Polen nach dem ersten Weltkrieg bestimmten. Dafür könnte das Fehlen hier mit dem Fokus auf die Arbeiterbewegung begründet werden. Doch wieso fehlt in Polen die schwarze Flamme, die für die „Errichtung der faschistischen Diktatur“ steht? Ungarn hat sie und demokratischer als Horthy war Piłsudski kaum. Schließlich ist da die einzige eklatante und nicht zu entschuldigende Auslassung der Karte: die Teile der Tschechoslowakei, die sich Deutschland und Ungarn 1938 aneigneten, sind mit gestrichelten Linien eingezeichnet und entsprechend beschriftet, nicht aber der kleine Teil in Schlesien, den sich Polen herauspickte (und um den es schon 1920 einen Krieg geführt und verloren hatte).

Daß Polen 1938 gegenüber der Tschechoslowakei als Aggressor aufgetreten war, wurde den Schülern in der DDR vorenthalten. Vielleicht sollten sie einfach nicht davon abgelenkt werden, daß Polen ab 1939 unzweifelhaft neben der Sowjetunion größtes Opfer deutscher Aggression war (zufällig oder nicht scheint Deutschland auf der Karte ein aufgerissenes Maul zu haben, mit dem es Polen zu fressen droht). Es kann nur einen Schluß geben: Die Wandkarte wollte nett zu Polen sein. Ganz wie die gesamte Politik der DDR eigentlich.

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