Von Nilpferden und Rolltreppen

In seinem Kinderbuch „Rozprávky pre hrocha“ (Märchen für das Nilpferd) beschreibt Cyril Valšík, ein in den Siebzigern und Achtzigern in Bratislava tätiger tschechischer Rundfunkjournalist, wie das Nilpferd, das er im Zoo kennengelernt hat, sich an das Leben in der Stadt gewöhnen muß. Unter anderem ist es irritiert von den Rolltreppen in den Unterführungen. Man kann ihm das nicht verdenken, denn Unterführungen mit Rolltreppen gibt es ja nicht überall.

valsiknilpferdstrassenbahn

Es dauerte eine Weile, bis sich das Nilpferd daran gewöhnte, daß es nicht in Afrika ist. Es fürchtete sich davor, auf der Straße zu gehen und die Fahrbahn zu überqueren. Und auf den Rolltreppen in den Unterführungen war es sich überhaupt nicht sicher. Afrika ist Afrika, die Stadt ist die Stadt. Da kann man nichts machen. Nachdem sich das Nilpferd an den Verkehr gewöhnt hatte, schaute es gerne PKWs und LKWs, Trolleybussen und Autobussen zu. Am liebsten hatte es aber die Straßenbahnen. Es gefiel ihm, wenn sie bimmelten. Damit es nicht denkt, daß alle Straßenbahnen gleich sind, habe ich ihm das Märchen Von der geschwätzigen Ruženka erzählt (aus Valšík, Cyril: Rozprávky pre hrocha, Bratislava 1985, Illustration von Peter Cpin)

Da das Buch in Bratislava spielt, wird der Autor vor allem an eine für das Nilpferd solchermaßen herausfordernde Unterführung gedacht haben: die am Trnavské mýto (Trnavaer Maut). Es handel sich um einen großeb unterirdischen Bereich mit roten runden Stützen, vielen kleinen Verkaufsbuden und eben Rolltreppen zu den vielen Ausgängen.

trnavskemytounterfuehrung

Obwohl Trnavské mýto eine große Kreuzung mit wichtigen Gebäuden wie der Tržnica (Markthalle) und dem Dom Odborov (Haus der Gewerkschaft) ist und die Unterführung diese und mehrere Bus- und Straßenbahnhaltestellen miteinander verbindet, erklärt das noch nicht ihre aufwendige Ausstattung.

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Man muß vielmehr wissen, daß Bratislava einmal eine U-Bahn hätte bekommen sollen.

Offiziell hieß sie rychlodráha (Schnellbahn) statt Metro, da nach der sowejtischen Städtebauorthodoxie erst Städte ab einer Million Einwohnern eine solche bekommen dürfen und davon war Bratislava damals so weit entfernt wie heute. Trnavské mýto hieß damals nach einem kommunistischen Politiker und Gewerkschaftsfunktionär, dessen Büste vorm Dom Odborov stand, Námestie Františka Župku (František-Župka-Platz) und hätte eine von zwei Umstiegsstationen zwischen den beiden bis 2030 geplanten Linien werden sollen.

Aber die Gelegenheit, in Bratislava U-Bahn fahren zu können, bekam das Nilpferd nie. Es kam das Jahr ´89, es kam die Konterrevolution, die bereits weit fortgeschrittenen Arbeiten wurden unterbrochen und nie wieder aufgenommen. Doch damit nicht genug: heute funktionieren auch die Rolltreppen nicht mehr oder nur selten.

trnavskemytorolltreppe

Das führt einem den aufgehaltenen Fortschritt drastisch vor Augen. Keine Rolltreppe wäre sogar noch besser als eine stillgelegte Rolltreppe, denn das Beleidigende ist, daß etwas so eindeutig Nützliches da ist, funktionieren könnte, funktioniert hat, aber nicht funktioniert. In der heruntergekommenen Unterführung am Trnavské mýto ist das vielleicht das geringste Problem, doch die Rolltreppen sind wie ein Symbol für den Niedergang, den das Ende des Sozialismus für eine Stadt wie Bratislava bedeutet hat.

Keine Rolltreppen, keine Metro, jahrelang trotz vorhandenen Schienen keine Straßenbahnverbindung zum Hauptbahnhof, wo einen auch jetzt noch eine weitere stillgelegte Rolltreppe nicht von der Haltestelle zur Bahnhofshalle bringt. Daß Bratislava in den letzten Jahren begonnen hat, wenigstens neue Straßenbahnen anzuschaffen, mag ein kleiner Trost sein. Valšíks Nilpferd allerdings, das das Bimmeln der Straßenbahnen mochte, fände es vielleicht schade.

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