Paläste an der Pomorska

Viele Kritik an fortschrittlicher Architektur entzündet sich an Gebäuden wie diesen an der Straße Pomorska in Gdańsk:

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lang und eckig, elf Geschosse hoch, regelmäßige Fensteröffnungen und kleine vorgesetzte Balkone. Unpersönlich, kalt, langweilig würden sie genannt werden und grau höchstens deshalb nicht mehr, weil sie eine teils gelbe Wärmedämmung bekommen haben. Solchen Plattenbauten, Betonklötzen etc. wird in weiten Teilen der westlichen Welt das Einfamilienhaus als Wohnideal entgegengesetzt. Diese werden dann eigenartigerweise immer als individualistische Villa Kunterbunts imaginiert, was mit der Realität eher wenig zu tun hat.

Doch etwas von der Kritik mag ja stimmen: auffällige oder ungewöhnliche Gebäude sind diese in der Trójmiasto nicht. Sie wollen es allerdings auch nicht sein. Wie immer bei fortschrittlicher Architektur ist zweitrangig, wie die einzelnen Gebäude aussehen, und entscheidend, was für Räume zwischen und um sie sind. In diesem Fall ist das einmal die Pomorska, die eben eine Straße ist, großzügig breit, Bäume, Straßenbahn. Zwischen den vier identischen Wohngebäuden, die leicht schräg an ihr aufgereiht sind, befinden sich drei lange flache Ladengebäude, die ebenfalls nicht völlig parallel zu ihr stehen, sowie Parkplätze.

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Auf der anderen Seite verläuft der Potok Oliwski (Oliwaer Bach). Er bildet mehrere Teiche, in denen teils Inseln sind, es gibt eine Art Wasserfall, Brücken überqueren ihn, Weiden lassen ihre Zweige in ihn hineinhängen. Es ist eine Parklandschaft, durch die der Bach sich da schlängelt, und man findet in ihr Enten, Möwen und Reiher.

pomorskapotokmoewen

So etwas so nah zu haben, nur ein paar Stockwerke mit dem Aufzug hinunterfahren zu müssen, um mitten darin zu sein – das ist ein Luxus, den Einfamilienhäuser niemals so vielen Menschen bieten können. Einen solchen Park vor der Tür zu haben, war zuvor ein Privileg fürstlicher Paläste und, seltener schon, großbürgerlicher Villen. Durch die fortschrittliche Architektur, durch diese langweiligen normierten Gebäude, wird es potentiell immer mehr Menschen zugänglich. In diesem Sinne, dem Sinne Le Corbusiers und dem einzig bedeutenden, sind die Gebäude an der Pomorska Paläste. All die anderen Vorteile solcher fortschrittlicher Architektur, die Nähe aller Geschäfte, das Licht, die Aussicht, die in diesem Fall bis zum Meer reichen kann, sind dabei noch nicht einmal berücksichtigt, aber nicht weniger luxuriös.

Selbstverständlich jedoch sind Gebäude wie diese nicht etwa das endgültige Ziel, sondern ein Schritt. Wie der nächste Schritt aussieht, kann man in Alterlaa in Wien betrachten, wo die Gebäude durch abgestufte Terrassen mit großen Pflanzenwannen einen der Vorteile von Einfamilienhäusern, also private Gärten, mit öffentlichen Parklandschaften vor der Tür verbinden.

AlterlaaBalkone

Wie weitere Schritte aussehen können, lohnt leider nicht einmal zu überlegen, da in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen schon der Schritt von Alterlaa nicht mehr getan wird und auch der von der Pomorska nurmehr selten.

Vielleicht wäre die Kritik an fortschrittlicher Architektur ernster zu nehmen, wenn sie dieser denn irgendetwas Besseres entgegenzusetzen hätte und nicht bloß aus dem ignoranten Gefühl erwüchse, daß bestimmte Gebäude eben nicht schön seien.

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Ein Gedanke zu „Paläste an der Pomorska

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