Sopot in Westdeutschland

Sopot ist ein Badeort in Polen, mittlere Stadt der Trójmiasto (Dreistadt), aber wer in Westdeutschland aufgewachsen ist, wird dort auf dem zentralen Platz alles auf unangenehmste Art vertraut finden. Denn er sieht aus wie in einer westdeutschen Provinzstadt. Obwohl schon der unentschlossene Name Plac Przyjaciół Sopotu (Platz der Freunde von Sopot) nichts Gutes verspricht, gelingt es der Bebauung auf seiner linken Seite, noch weit schlimmer zu sein.

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Geschwungen erstreckt sich da ein langes Gebäude mit Geschäften, Büros, wohl auch einem Hotel, das mit allerlei spitzen und runden Giebeln irgendeinen historischen Bezug haben will, der aber nicht einmal an die Bauklötzchenstädte eines Dreijährigen heranreicht.

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Quer dazu steht an der nach links abzweigenden Straße ein nicht weniger großes Gebäude, das als Dom Zdrojowy (Kurhaus) neben Geschäften und Büros noch eine kulturelle Funktion, nämlich als Kunstgalerie, behauptet. Billige Steinverkleidung, weißes Metall, viefach unterteiltes Glas, das an leicht vorgesetzten Teilen abgerundet endet, über dem Eingang einen halbrunden Giebel bildet und an den Ecken in spitzen Pyramidenformen aufragt.

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Wie hier historistische Formen auf billig stilisierte Art zitiert werden, ist nun endgültig Bad Homburg circa 1986. Daß diese reaktionäre Architektur der achtziger Jahre in Sopot erst 2009 entstand, macht es nicht mehr oder weniger schlimm, sondern zeigt nur eines: was auch immer für Probleme Polen in den Achtzigern hatte, vor derlei Auswüchsen war es gefeit. So dominant sind diese beiden reaktionären Gebäude auf dem Platz in Sopot, daß man den weiter vorne rechts neben dem Dom Zdrojowy stehenden Turm eines Gebäudes, dessen Neorenaissanceformen um 1905 ähnlich dumm und reaktionär waren, übersehen kann und alles andere auch.

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Allerdings gibt es für den Plac Przyjaciół Sopotu, ganz wie in der westdeutschen Provinz, mildernde Umstände, ob derer man eher bereit ist, sich mit der Stadt zu befreunden. Neben der durch einem kurzen Tunnel für die querende Straße erreichten Befreiung vom Autoverkehr ist das die Bebauung auf der rechten Platzseite.

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Zuerst sind da ein, zwei kleine Gebäude, die mit ihren Vorbauten aus ornamentiertem Holz und viel Glas das Beste der Seebadarchitektur des 19. Jahrhunderts, eine gewisse Luftigkeit und Leichtigkeit, repräsentieren.

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An sie schließt ein Gebäude mit Cafés und Restaurants an, das die fortschrittliche Architektur des polnischen Sozialismus schuf, aber auch jene der westdeutschen Sozialstaatlichkeit hätte schaffen können.

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Sein Baukörper ist langgestreckt und hat zwei hohe Geschosse, wenig weiße Metallverkleidung und viel durch vorgesetzte silberne Stahlstreben strukturiertes Glas. Doch das sieht man kaum, da ein Stück davor auf hohen schlanken Stützen aus weißen Stahl eine Terasse ist, die zugleich ein Vordach für die Außenbereiche der Restaurants und Cafés bildet. Eine Treppe, die nur aus einer umgedrehten Y-förmigen Stütze, Stufen und Geländer besteht, führt rechts neben der Schmalseite auf die Terasse hinauf.

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In diesen ganz anderen Formen ist die Leichtigkeit der Kurarchitektur fortgeführt, ohne schon zu etwas radikal Neuem zu werden. Links wächst aus dem zweigeschossigen Gebäude dann ein Teil schräg auf sechs Geschosse an. Dieser höhere Teil schließt an die historistische Blockrandbebauung an und sieht von der Querstraße aus auch nur wie ein schmales Bürogebäude aus.

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Anders als die dumme Architektur gegenüber nimmt dieses kleine und leichte Gebäude also auf seine Umgebung Bezug, weiß, daß es in Sopot und nicht in Bad Homburg ist.

Schließlich gibt es auch noch etwas Kunst. Unter dem linken Ende der Terrasse, vor einem Eingang des höheren Bauteils, ist eine zurückgewölbte Wand mit einem Mosaik aus großen Kieseln in Rot, Schwarz, Gelb, Weiß. Hier hätte der polnische Sozialismus zeigen können und müssen, was ihn von Westdeutschland unterscheidet, hier hätte er sich selbst zeigen können und müssen, doch er tat es nicht: das Mosaik ist abstrakt.

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Daß dieses Gebäude in der beschriebenen Form schon nur noch einen Schatten seiner selbst darstellt, braucht nicht zu überraschen in einer Stadt, die ihren Platz mit den eingangs beschriebenen Gebäuden verschandelte. 1960 wurde es als Bar Alga eröffnet und ja, Alga heißt Alge, während Bar im heutigen polnischen Gebrauch auf dem Umweg über Bar Mleczny, Milchbar, zur Bezeichnung günstiger Selbstbedienungsrestaurants, in denen man Pierogi und andere unkomplizierte Speisen, aber keinen Alkohol bekommen kann, geworden ist. Ursprünglich hatte die Terrasse der Bar Alga ein kompliziert gefaltetes Dach aus Stahl und durchsichtigem Kunststoff, das die maritime Luftigkeit der Architektur noch einmal verstärkte. Für eine Weile war sie Wahrzeichen und Stolz der Stadt. Auch ihr späterer Niedergang wäre ähnlich in Westdeutschland geschehen und sogar, daß man ihre Geschichte jetzt auf einer Seite mit dem Namen Powojenny modernizm (Nachkriegsmoderne) nachlesen kann, paßt.

Einen in leider vor allem schlechten Sinne westdeutschen Platz also hat Sopot. Für ein endgültiges Urteil über seine heutige Gestalt ist noch eine Information wichtig: er liegt nur wenige hundert Meter vom Strand entfernt. Anmerken kann man es ihm nicht.

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