Shermer High School

„The Breakfast Club“ von John Hughes ist ein Film über Architektur. Nicht nur über Architektur selbstverständlich. In erster Linie ist „The Breakfast Club“ einer der besten und zurecht beliebtesten High School-Filme, die je gedreht wurden. Vielleicht kein anderer Film zeigt die suburbane amerikanische High School im Spätkapitalismus der achtziger Jahre so gut wie er. Es ist dabei ein sehr strenger und artifizieller Film. Die Prämisse seiner Handlung gleicht einer Versuchsanordnung: Was passiert, wenn fünf völlig unterschiedliche Schüler, brain (Streber), athlete (Sportler), basket case (Verrückte), princess (Prinzessin) und criminal (Krimineller), einen Samstag lang gemeinsam nachsitzen müssen?

Ganz wie klassische Dramen hat der Film eine strenge Einheit von Handlung, Zeit und Ort. Deshalb wird der Ort und seine Architektur so wichtig. Sie sind so artifiziell wie der ganze Film: es gibt kein Shermer, Illinois, keine Shermer High School, kein eines wirkliches Gebäude, das aussieht wie das im Film, und vor allem keine Schulbibliothek wie die, in der der weitaus größte Teil des Films spielt. Doch genau wie der Film aus artifiziellen Bestandteilen eine realistische Aussage über sein Thema gewinnt, sagt auch das artifizielle Gebäude des Films mehr über die Architektur seiner Zeit aus, als es ein wirkliches Gebäude könnte. Nicht irgendeine, sondern jede zwischen etwa 1960 und 1980 in einem kapitalistischen Staat errichtete Schule ist es, in der „The Breakfast Club“ spielt.

Von außen ist die Shermer High School ein wohlproportionierter Betonbau, der 1970 tatsächlich als Maine North High School in Des Plaines, Illinois errichtet wurde, aber schon zur Drehzeit des Films 1984 nicht mehr als Schule genutzt wurde.

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Zwischen zwei massiven dreigeschossigen fensterlosen Bauteilen spannt sich ein Geschoß mit Fensterband über Treppen, die zu Eingängen hinauf und hinabführen, und noch etwas weiter steht das flache Dach über. Aber man sieht die Schule nur kurz am Anfang und am Ende von außen. Für die Handlung ist das Äußere so unwichtig wie für alle in Klassenräumen sitzenden Schüler. Fast zur Karikatur wird die Architektur in den Szenen, wo die Schüler halb auf der Flucht vor dem beaufsichtigenden Lehrer durch scheinbar unendliche labyrinthische Gänge irren und rennen, womit sich wohl jeder, der eine ähnliche Schule besucht hat, identifizieren kann. Doch der zentrale Schauplatz des Film, die Bibliothek, zeigt das Wertvolle oder wenigstens das Potential dieser Architektur.

Die Bibliothek, die für den Film in der Sporthalle der wirklichen Schule eingerichtet wurde, ist ein großer rechteckiger Raum, der von vertikalen seitlichen Fenstern und verglasten Teilen des Dachs erleuchtet wird.

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In der Mitte ist ein Bereich mit aufgereihten Tischen und Sesseln. Nur etwas erhöht verläuft um diesen Bereich eine erste Galerie, an deren Wänden Karteischränke, Regale und anderes stehen. Etwas weiter zurückgesetzt ist darüber eine weitere, auf eckigen Stützen ruhende Galerie mit weiteren Regalen, Tischen und Zimmerpalmen. In der Mitte beider Breitseiten führen freischwebende Treppen vom zentralen Lesebereich zu den beiden Galerien hinauf. Alle Geländer bestehen nur aus dünnen Metallstreben und breiten hölzernen Handläufen. An der einen Schmalseite sind auf beiden Ebenen abgetrennte Räume mit gläsernen Türen und Wänden, in denen oben ein Sprachlabor ist.

grupperaum

An der anderen Schmalseite ist ganz oben in der Mitte, schon zwischen den Streben des Dachs, eine Uhr aus einem Fenster und Zeigern, deren Kreis mit den übrigen eckigen Formen kontrastiert. Nichts in dieser Bibliothek lenkt von der Funktion ab, es gibt nur den verputzten Beton der Wände und Stützen, das Holz der Türen, Regale und Handläufe, das Glas der Fenster und viel Licht. Alle Formen sind bis zur Unsichtbarkeit klar und einfach.

Etwa in der Mitte des Raums steht auf einem niedrigen Sockel eine große Bronzeplastik.

vernonmoore

Ihre Formen sind erkennbar menschlich, aber reduziert, verkürzt, der Kopf ein undefinierter Stumpf, die Arme nur angedeutet. Sie gleicht einem Körper, der sich aus einer über ihn geworfenen Decke herauskämpfen muß. Daß es sich bei der Plastik um „Standing Figure: Knife Edge“ von Henry Moore handelt, muß man nicht einmal wissen. Viel wichtiger ist, wie gut sie, bis auf die Höhe der oberen Galerie aufragend und doch nicht dominant, in diesen Raum paßt. Kunst wie diese, wenn auch meist von weniger berühmten Künstlern, gehört geradezu in Schulen wie diese. Jeder, der eine solche Shermer High School besuchte, hat sie wahrgenommen und so wenig wirklich gesehen wie die Schüler in „The Breakfast Club“. Vielleicht hat er auch angemessen respektlos wie sie mit ihr interagiert: da landet eine Wurstscheibe der basket case in ihren Gesicht und deren von Paprika und Oliven durchsetzte Struktur paßt eigenartig gut zur unregelmäßig löchrigen Struktur der Bronze,

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da lehnt sich die princess im Gespräch versonnen an sie,

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da hängt sich der criminal beim Tanzen um ihren Hals.

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Sie kommen damit der großen Kunst womöglich näher als viele Kunstfreunde.

Genauso wird der Film der Architektur der Sechziger und Siebziger besser gerecht als alle Bildbände, Künstlermonographien und Museen. Die Architektur der Bibliothek ist nicht nur irgendein Rahmen für die Gespräche und Interaktionen der Schüler, nein, sie ist der einzig richtige Rahmen. Wenn sie dort  Bücher zerstören und über sie sprechen, kiffen, tanzen und reden, immer wieder reden, dann tun sie das, wofür diese Architektur geschaffen wurde. Sie will auf unendlich dezente, zurückhaltende und dadurch schöne Art der freien Entfaltung des Menschen, seinem Lernen, seinem Wachsen einen Rahmen geben. Sie will für eine neue Zeit das sein, was die Foren und Akademien für das antike Rom oder Griechenland waren.

Das ist das Ideal, eine Utopie vielleicht, und eine solche vertritt auch der Film, indem er zeigt, daß man sich verstehen könnte, wenn man sich nur träfe und frei redete, daß man voneinander lernen, aneinander wachsen könnte. Doch der Film weiß auch, daß das nicht genügt, da am Montag im Schulalltag wohl alles wieder beim Alten sein wird. Entsprechend ist auch die Architektur nicht genug, das neue Leben, für das sie gebaut wurde, entstehen zu lassen. Was denn auf dem Weg zum Ideal fehlt, weiß der Film nicht und weiß die Architektur nicht. Doch wenn man gesehen hat, was sich in nur wenigen Stunden alles in dieser Architektur entwickelte und dann in der letzten, zum Standbild werdenden Szene sieht, wie der criminal zu  „Don’t you (Forget about me)“ auf dem abendlichen Sportplatz die behandschuhte Faust in die Höhe reckt, während der Diamantohrring der princess in seinem Ohr funkelt, muß man denken: der Sozialismus.

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Ein Gedanke zu „Shermer High School

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