Kleinigkeiten am Passauer Dom

„Es wäre zum Beispiel unsinnig, wenn wir mit unserer EXA dem Berufsfotografen, der meist mit Großformatkameras arbeitet, Konkurrenz machen wollten. Stadtübersichten sowie Innenaufnahmen von Kirchen und Schlössern kaufen wir besser an einem Postkartenstand, so ersparen wir uns Enttäuschungen. Unsere Aufgabe besteht darin, dem Zauber des Details nachzuspüren.“

So schreibt Georg Piltz in seinem Text „Kunstgenuß auf Reisen“ über das private Photographieren. Das gehört in eine Zeit, in dem es zum einen keine Digitalphotographie gab, weshalb schon ein einziges mißlungenes Bild wirklich eine Enttäuschung sein konnte, und zum anderen für Postkarten eine gewisse Qualität vorausgesetzt wurde, vielleicht fälschlicherweise. Heute ist es selbstverständlich egal, ob man tausende schlechte Bilder von auf Postkarten zu findenden Gebäuden wie dem Passauer Doms macht, etwa dieses:

dompassauautos

oder weitere tausend von Details wie einem gotischen Kapitell in seinem Hof, etwa dieses:

kapitellgesichterpassauphantasie

Doch Piltz‘ Ratschlag bleibt wertvoll, wenn man ihn nicht auf das Photographieren, sondern auf das Sehen anwendet. Dann gilt: Wenn etwas zuerst zu groß scheint und man sich nicht einfach überwältigen lassen will, suche man daran das Kleine, mit dem man sich in ein Verhältnis setzen kann, ohne überwältigt zu werden. Vielleicht findet man so auch den Schlüssel zum Großen.

Beim Passauer Dom versteckt sich das Kleine in seinem Hof. Hoch türmt sich über dessen weitem Rechteck der Barock und die barockisierte Gotik auf, doch man vergißt sie bald.

dominnenhofpassau

Von dem gotischen Kreuzgang, der der Hof bis 1813 war, sind wenig mehr als einige der Säulen, auf denen seine Spitzbögen ruhten, übriggeblieben. Sinnlos geworden ragen sie noch zur Hälfte aus den Mauern heraus. Sie sind bloß knapp mannshoch, in gotischer Manier tief eingefurcht und haben Laubkapitelle.

saeulebogenrestpassau

Doch deren Einförmigkeit täuscht. Bei einer Säule an der Ostseite sitzen im stilisierten Laub ein Vogel und mehrere hundeähnliche Tiere.

kapitellvogelhundepassau

An der Süd- und der Westseite verschwinden die Säulenreste beinahe zwischen vielen Grabsteinen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Sie sind Überreste des Friedhofs und mehrerer Kapellen, die mit dem Kreuzgang abgerissen wurden. Darin, wie sie heute an den Wänden angebracht, ist keine Ordnung zu erkennen und wohl auch keine vorhanden. Manche hängen so hoch, daß man sie unmöglich lesen kann. Manche sind von der Witterung der Jahrhunderte entstellt, anderen hingegen sehen aus, als seien sie erst gestern aus der Steinmetzwerkstatt gekommen. Die jüngste Zeit baute zu ihrem Schutz ein Vordach mit dümmlich neogotischen Stützen, stellte aber auch Bänke davor, so daß einige Inschriften halb verdeckt sind.

baenkestuetzendominnenhofpassau

Wie bei jeder Ansammlung alter Gräber findet man einiges Interessante und Kuriose.

Das Grab des Johann Graf Trapp von 1790 will einerseits ein streng klassischer Obelisk auf einem Sockel sein, nimmt aber andererseits, sicher zufällig, die Formen der gotischen Säulen auf, indem es um die beiden ovalen Inschriftenfelder vor dem Obelisk Rosenranken legt.

grabtrapppassaugesamt

Im unteren Teil des Sockels sind Wappen, im mittleren eine von einer Trompete und einem Zweig gekreuzte Sonne mit Wolken, in der „יהוה“ steht, der Name Gottes auf Hebräisch.

grabtrapppassauhebraeisch

Ein Relief mit schwer lesbarer Inschrift zeigt in sehr realistischer Weise Skelette und Menschen in einer Art Totentanz von einer Stadtsilhouette, vielleicht Passau selbst.

totentanzpassau

In der Mitte steht ein Mann, vielleicht Jesus, wogegen aber der fehlende Heiligenschein spricht, der einen Arm gen Himmel reckt, wo in den Wolken Gott sitzt, während Putten hinunterpusten. Vielleicht ist das gar kein Grab, sondern ein Denkmal für die Opfer einer der Hochwasserkatastrophen, die für das zwischen dem Zusammenfluß von Inn und Donau gelegene Passau gleichsam Normalität sind.

Memento Mori anderer, harmloserer, ja, lustiger Art zeigt das lateinisch beschriftete Grab von Friedrich Wilhelm von Roeder.

grabroederpassaugesamt

Beidseits seines Wappens sind im makellos roten Stein zwei Totenschädel. Der linke trägt einer Schlafmütze.

totenkopfmuetze

Der rechte hat eine zerbrochene Säule auf dem Kopf.

totenkopfsaeule

Man könnte das so verstehen, daß letztlich, ob man im Leben nun nur faulenzte oder etwas aufbaute, alles egal ist, ein so ernüchternder wie beruhigender Gedanke. Vielleicht ist es kein Zufall, daß im Bildprogramm dieses Grabs jeder christliche Bezug fehlt.

Eine steinerne Urne, über die ein steinernes Tuch fällt, scheint keinem Grab zugeordnet, hat dafür aber Bleistiftinschriften, die mindestens bis ins Jahr 1904 zurückgehen.

urneinschriftenpassau

Durch den zeitlichen Abstand wird der frühere Vandalismus zwar nicht künstlerisch, aber geschichtlich interessant. Der Engelhardt Ludwig, der sich 1915 besonders eifrig verewigte, hat sein Ziel also erreicht.

Ein Grab schließlich ist einfach in eine übriggebliebene Säule eingelassen, verbindet sich mit ihr, nutzt sie zu seinen Zwecken.

saeulegrabpassau

Die Säulen zwischen den Gräbern weichen ansonsten nicht vom Blattkapitellschema ab. Erst in der nordwestlichen Ecke, nach der letzten Grabplatte, gibt es wieder Variationen.

Das Kapitell der Ecksäule verzichtet ganz auf die Blätter, tut nicht einmal mehr so, als wäre es überhaupt ein Kapitell, und zeigt stattdessen eine kleine Szene.

saeulelaurentiuspassau

In der Mitte liegt ein Mann auf einem Gitter auf einem Haufen glühender Kohlen. Links von ihm steht ein Mann in einer Art Uniform, der mit einer nun nicht mehr vorhandenen Stange in die Glut stochert, rechts sitzt eine trauernde Frau.

kapitelllaurentiuspassau

Es handelt sich um eine Darstellung der Hinrichtung des Laurentius, eines frühchristlichen Märtyrers. Er hat das zweifelhafte Vergnügen, mit dem Folterinstrument, auf dem er zu Tode kam, dem Rost, identifiziert zu werden, aber darin ist er ja Jesus ähnlich.

Das Kapitell der letzten Säule zeigt zwischen dem Blattwerk vier Gesichter. Rechts sind sie ganz normal: eine junge Frau mit Stirnband und ein Mann mit Bart, die Augen geschlossen, der Ausdruck würdevoll, Stifter vielleicht.

kapitellgesichterpassaunormal

Doch links sind es bizarre Phantasiegesichter.

kapitellgesichterpassauphantasie

Das erste schaut mit großem Ohr und zu einem Grinsen verzogenen Mund schräg unter den Blättern hervor. Das zweite hat den Mund beinahe fischartig weit aufgerissen, stielartig hervorstehende Augen, wie man sie aus Comics kennt, und Wangen und Augenbrauen, die zu Blättern werden. So überzeichnet diese Gesichter auch sind, haben sie doch gar nichts Abschreckendes oder Böses, sondern wirken auf merkwürdige Art freundlich und im Kontrast zu den würdevollen, aber auch langweiligen Gesichtern daneben erst recht faszinierend. In ihnen ließ ein Künstler der späten Gotik seiner Phantasie freien Lauf – und seinem Können. Denn gerade die Phantasiegesichter zeichnen sich durch erstaunlichen Realismus aus. Wievielen Skulpturen kann man schon in die Mundhöhle, wo tatsächlich die Zunge und die Zäpfchen zu sehen sind, und die Nasenlöcher schauen?

kapitellgesichterpassaudetailmund

Was man hier im Hof des Doms an Kleinem findet, ist, wenigstens in diesem Fall, große Kunst.

Ob das alles nun hilft, das eigentlich Große, den Dom, besser zu verstehen? Wohl nicht. Aber vielleicht ist das dann auch nicht mehr so wichtig.

Advertisements