Podbrezová

Der mittelslowakische Ort Podbrezová, gelegen südlich der Kleinen Tatra im Tal des Hron, ist zuerst Industrie. Am Fluß, wo auch die Bahnstrecke verläuft, liegen die Anlagen der Železiarne Podbrezová (Eisenwerke Podbrezová). Im engen Tal im Westen sind die älteren Teile, die bis auf das Jahr 1840 zurückgehen.

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Im Osten, wo das Tal weiter wird, sind die neueren, die ab dem Jahr 1968 gebaut wurden.

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Alles, was es in Podbrezová sonst noch gibt, muß sich mit dem Werk irgendwie arrangieren. Im Osten gibt es ein kleines Wohngebiet, am Hang in der Mitte einige Einfamilienhäuser und auch eine kleine neogotische Kirche, und ganz im Westen dann den Ansatz einer fortschrittlichen Planung.

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Auf einer erhöhten Fläche noch vor Beginn des Werks stehen einige neungeschossige Gebäude, ansonsten dreigeschossige mit Walmdächern, von denen unklar ist, wann sie gebaut wurden.

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Mittendrin findet sich noch eine alte Villa. Früher lebte dort, am Hang oberhalb des Werks, wohl nur einer seiner Direktoren, doch jetzt gehört alles den Arbeitern. Man kann das eine städtebauliche Expropriation nennen.

Mittelpunkt des Wohngebiets ist das Dom Kultúry (Kulturhaus).

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Es ist ein großes Gebäude mit sandfarbener Steinverkleidung, ob des Hangs zwei- und dreigeschoßig, dazu ein Dachaufbau. Nur in der linken Hälfte der Vorderseite, wo große Fensterbänder beginnen und teils auch die Ecke umlaufen, ist etwas einladende Transparenz, sonst wirkt es eher kühl und verschlossen, gerade so, als seien einfach glatte kubische Steinblöcke aufeinandergesetzt worden.

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Links davor steht ein abstraktes Kunstwerk – eine unten zweimal nach beiden Seiten ausgewölbte Doppelstele aus, passenderweise, Edelstahl – in dem man eine Gitarre erkennen könnte.

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Rechts der Mitte ist der vorgesetzte Eingang. Er ist seitlich verglast, während nach vorne aus der steinverkleideten Wand eine oben breite und sich nach unten verjüngende metallverkleidete Rinne ragt, durch die das Regenwasser in ein halbrundes Becken fließen kann.

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Das ist eine einfache, aber überraschende Idee, eine Art Brunnen ohne fließendes Wasser. Das Wetter wird gleichsam in die Gebäudegestaltung einbezogen und eine Funktion, der Regenwasserabfluß, wird für einen ästhetischen Effekt ausgenutzt.

Rechts steht ein Denkmal für Jan Šverma, nach dem der Betrieb in der sozialistischen Zeit Švermove železiarne (Šverma-Eisenwerke) hieß.

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Šverma, ein Tscheche, war ein hochrangiger Politiker der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSČ), der im Sommer 1944 von Moskau in die Mittelslowakei geschickt wurde, um an der Leitung des Slowakischen Nationalaufstands (SNP) teilzunehmen. Er starb Ende des Jahres, als die Aufständischen zum Partisanenkampf übergegangen waren, bei der Überquerung des Berges Chabenec in einem Schneesturm. Die konventionelle Denkmalform ist dadurch aufgelockert, daß die schmale graue Steinstele mit dem Namen zur Straße zeigt, Švermas bronzene Büste aber nach links zum Kulturhaus schaut. Einst ragten davor vielleicht noch Hammer und Sichel aus dem Boden, um Person und Politik zu verbinden.

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Leben sieht Šverma beim Blick auf das Kulturhaus keines, denn obwohl es in perfektem Zustand ist, scheint es nicht mehr oft benutzt zu werden. Das erklärt vielleicht auch die kühle und verschlossene Wirkung: keinerlei Plakate weisen auf Veranstaltungen hin, auch eine Kneipe, wie sie noch die heruntergekommensten Kulturhäuser der ehemaligen Tschechoslowakei haben, fehlt.

Rechts des Gebäudes, hinter Šverma, ist eine Terrasse und eine Treppe hinab in einen kleinen Park. Unter hohen Bäumen blickt man auf das Werk hinab.

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Neben dem Grundstein des Kulturhauses von 1969 ist dort auch ein Denkmal für den SNP, das wenig mehr als eine lange, lange Liste der in dessen Verlauf umgekommenen Arbeiter des Werks ist.

„Ehre den gefallenen Helden des Slowakischen Nationalaufstands aus den Reihen der Angestellten der Šverma-Betriebe Podbrezová“

„Ehre den gefallenen Helden des Slowakischen Nationalaufstands aus den Reihen der Angestellten der Šverma-Betriebe Podbrezová“

Links des Gebäudes ist ein Weg zum Rande der erhöhten Fläche, wo bald eine Brücke über die Gleise und eine Treppe nach unten führt.

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Hier ist man schon nahe bei den ersten Gebäude des Werks, aber noch vorher stehen weitere Gebäude des Zentrums, vor allem das Kaufhaus.

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Es ist ein dreigeschossiger Eckbau, dessen Obergeschosse aus Fensterbändern und blauer Verkleidung bestehen, was durch graue Putzflächen an den Seiten und an einem Band unter dem Dach noch betont ist. Die Post schließt links daran an, ähnlich, aber zweigeschossig und mit blaßgelber Verkleidung. Vor ihrem Tor ist eine Wellenform aus mehrfach geschwungenen vertikalen Edelstahlscheiben, ein weiterer abstrakter künstlerischer Bezug auf das Werk.

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Für einen Ort mit heute deutlich unter 5000 Einwohnern und für die schwierige landschaftliche Ausgangssituation ist dieses Zentrum mehr als gelungen. Es könnte noch besser sein, wenn dort, wo nun die Brücke ist, einer jener großartigen tschechoslowakischen Bahnhöfe die unteren und oberen Teile des Zentrums zusammenfaßte. Doch das alte Bahnhofsgebäude steht abseits und ohne guten Bezug zum Zentrum, zum Wohngebiet oder zum Werk. Wer weiß, was einige Jahre Sozialismus mehr gebracht hätten.

Außergewöhnlich an Podbrezová ist, daß die Industrie hier noch lebt. Noch immer hallt zum Schichtwechsel eine Sirene durchs Tal, diese Neuschöpfung der Kirchturmglocke, die in unseren Breiten schon veralteter wirkt als diese. Noch immer wird alles vom Elektrizitätswerk bis theoretisch zum Kulturhaus von den Eisenwerken betrieben. Noch immer sind Ort und Werk eins. Um zu verstehen, wie schön das ist, muß man all die nur dreißig, vierzig Jahre alten Industrieanlagen in allen Gegenden der Slowakei gesehen haben, die heute verfallen. Die sozialistische Tschechoslowakei hatte sie gebaut, um ihre  rückständige Teilrepublik zu fördern und sie war damit erfolgreich gewesen, doch in der größeren Konkurrenz des wiederhergestellten Kapitalismus hatten sie keine Chance. Gerade die Železiarne Podbrezová aber, einer der ältesten slowakischen Industriebetriebe überhaupt, überlebten bis heute und mit ihnen Podbrezová.

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