Neuburger Beton

Beton kann in Neuburg an der Donau und überall auf verschiedene Arten verwendet werden: offensiv und versteckt.

Das Textilkaufhaus Bullinger an der Münchener Straße ist ein Beispiel für die offensive Verwendungsart von Beton.

bullinger1968neuburganderdonau

Über dem zurückgesetzten verglasten Erdgeschoß mit Eingang und Schaufenstern hat das 1968 eröffnete Gebäude zwei Geschosse, die bis auf drei schmale vertikale Fensterstreifen ganz mit grauem Waschbeton verkleidet sind. Aber wie es auch aussieht, es ist eben Teil der Blockrandbebauung an einer stark befahrenen Straße. Direkt daneben steht der 1913 errichtete Vorgängerbau.

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Er hat historistische Formen, Schaufenster in den ersten beiden Geschossen und darüber einen Erker. So verschieden die beiden Gebäude sind, so viel haben sie doch gemein. Beiden geht es nur um die Fassade und deren Werbeeffekt, beide holen die gerade aktuellen Kaufhausmoden in die oberbayrische Provinz. Wenn man also davon ausgeht, daß Bullinger sich alle fünfundfünfzig Jahre mal einen Neubau leistet, wäre es bald wieder Zeit dafür. Aber die Zeit der Familienunternehmen neigt sich sogar in Neuburg dem Ende zu und vielleicht ist Bullinger einfach damit zufrieden, überall in den Nebenstraßen Schaufenster zu haben.

Die Markthalle am Schrannenplatz ist ein Beispiel für die versteckte Verwendungsart von Beton.

markthalleneuburganderdonaugesamt

Sie nimmt eine ganze Seite des Platzes ein und besteht auf den ersten Blick nur aus dem riesigen und hohen Walmdach und den Holzbalkonen, die das darunterliegende zweite Geschoß umlaufen. Doch das Dach endet mit einem gewächshausartigen Aufbau aus Glas und rechts neben diesem ragen zwei große runde Metallrohre heraus. Und der Sockelbau, der Dach wie Balkone trägt, besteht aus eckigen Stützen und Trägern aus Beton, zwischen denen teils Glasflächen und teils weißes Mauerwerk sind. Von drei Seiten führen gläserne Schiebetüren ins Innere.

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Hier versteckt sich der Beton nicht mehr und so deutlich wie die Holzkonstruktion des Dachs und die beiden Rohre sieht man die Betonstützen des Sockelbaus, die auch eine Galerie im zweiten Geschoß tragen. Im linken Teil des Gebäudes führen innen wie außen je zwei mittig beginnende Treppen auf diese Galerie, die sich außen mit den Balkonen fortsetzt. In der Halle wurde über den Treppenaufgang ein gänzlich funktionsloser Dreiecksgiebel gesetzt.

markthalleneuburganderdonaugiebel

Das ist es wohl, was man postmoderne Architektur nennt: Motive überkommener Architektur, seien es funktionale wie die Holzbalkone und das Walmdach oder dekorative wie der Giebel, aufgreifen und daraus Gebäude machen. Mit der wirklichen historischen Architektur Neuburgs und dem städtischen Raum, dessen Teil sie ist, hat diese Markthalle jedoch nichts zu tun. Eher erinnert sie an die Tržnica (Markthalle) von Bratislava, die ebenfalls ein teilweise hölzernes Dach auf einem Betonsockel und markante Belüftungsrohre hat.

TržnicaAusblick2 markthalleneuburganderdonaudachroehren

Es ist dabei unnötig zu erwähnen, daß Bratislavas Markthalle ein ungleich besserer Bau ist als Neuburgs, da sie leere historische Bezüge nicht nötig hat und zudem ihre Funktion erfüllt, statt nur einen Eine-Welt-Laden zu beherbergen, aber nützlich ist der Vergleich trotzdem. Im besten Fall nämlich ist sogenannte postmoderne Architektur nur fortschrittliche Architektur in lächerlicher Verkleidung.

Ob Beton offensiv oder versteckt verwendet wird, kann jedenfalls nie die entscheidende Frage sein. Die Markthalle könnte zumindest potentiell ein für Neuburg wichtiger Bau sein, während Bullinger egal mit welcher Fassade eben ein Provinzkaufhaus bleibt. Wie Beton offensiv verwendet werden kann, ohne bloß Dekoration zu sein, zeigt in Neuburg in größter Schönheit die Post.

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