Sátoraljaújhely

Wer würde schon damit rechnen, daß man ausgerechnet vom Bahnhof Slovenské Nové Mesto nach Ungarn kommt? Dieses Slowakisch Neustadt im südlichen Osten des Landes ist nämlich gewiß keine Stadt, sondern wenig mehr als der Bahnhof und einige entschieden dörfliche Straßen, und es ist auch nicht sehr slowakisch, da man sehr bald über die Grenze nach Ungarn kommt. Die Tschechoslowakei verabschiedet sich mit einem Grenzgebäude mit zwei Geschossen und einem Vordach, von dem die Stützen schrägt nach außen verlaufen.

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Dahinter ist Sátoraljaújhely.

slovenskenovemestogrenzuebergangblick

Nun könnte man meinen, daß eine ungarische Stadt ohnedies gar nicht so anders aussehen sollte als eine slowakische, schließlich gehörte die Slowakei bis 1918 zu Ungarn und schließlich waren beide Länder seit den späten Vierzigern vom Sozialismus geprägt. Doch diese verkürzte Sichtweise widerlegt Sátoraljaújhely sofort. Schon das Panorama der Stadt ist anders. Wo in der Tschechoslowakei am Rande, vielleicht höher am Hang, vielleicht niedriger am Bach, ein deutlich sichtbares fortschrittliches Wohngebiet mit Hochhäusern wäre, ragt hier nur ein höheres Wohngebäude auf, dafür aber sehr zentral. Auch die Sendeanlagen und der markante Aussichtsturm auf dem hinter der Stadt aufragenden pyramidenförmigen Hügel, dem etwas pathetisch benannten Magas hegy (Hohen Berg), sind nur durch die Grenznähe zu erklären.

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Zwar verstand sich die Tschechoslowakei auf großartige Türme, aber sie hätte keinen Grund gehabt, gerade dorthin einen zu bauen. Ungarn wählte die schwebende Zeltform des Turmdachs vielleicht bewußt, denn der Name der Stadt lautet, auf die Form des Bergs bezogen, etwa Neuer Platz oder auch Ort unter dem Zelt.

Einiges in Sátoraljaújhely gleicht selbstverständlich durchaus dem in anderen Orten. Die eingeschossigen dörflichen Häuschen entlang der Straßen, der historistische Prunk des Gerichtsgebäudes, um das die Bebauung höher, städtischer wird, der vereinzelte Jugendstil – das gibt es überall im ehemaligen Österreich-Ungarn. Der langgestreckte, offenkundig aus einer Verbreiterung der Straße entstandene Platz mit der römisch-katholischen Kirche in der Stadtmitte, die evangelische Kirche etwas abseits, die griechisch-katholische Kirche am Rande bei den Weinbergen – das gibt es auch in der östlichen Slowakei häufig. In Sátoraljaújhely sind alle drei Kirchen schlichte barocke, nachbarocke Gebäude, die sich von tausend anderen und untereinander wenig unterscheiden.

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Das sind die Gemeinsamkeiten jedoch bereits. Was in Sátoraljaújhely völlig fehlt, ist die mal mehr, mal weniger fortschrittliche, immer aber deutlich erkennbare Architektur der ersten tschechoslowakischen Republik. Falls es hier Gebäude aus der Zwischenkriegszeit gibt, unterscheiden sie sich vom Vorangegangenen nur marginal, was auch damit zu tun haben kann, daß die Tschechoslowakei eine aufstrebende bürgerliche Demokratie und Ungarn eine rückwärtsgewandte Diktatur war.

Aber auch, als sowohl die Tschechoslowakei als auch Ungarn sozialistisch wurden, verschwanden die Unterschiede keineswegs. Das größte fortschrittliche Wohngebäude von Sátoraljaújhely besteht aus zwei leicht schräg zueinandergesetzten elfgeschossigen Teilen, die durch einen kürzeren Verbindungsteil zu einer H-Form verbunden sind.

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Ein solches Gebäude wäre in der Tschechoslowakei in einer kleinen Stadt höchst ungewöhnlich und noch ungewöhnlicher wäre, daß es mit den Kirchen und den Sendeanlagen das Stadtpanorama bestimmte. In Sátoraljaújhely steht es unweit des Platzes und ist verbunden mit niedrigerer fortschrittlicher Bebauung, die parallel zur Dózsa György út (György-Dózsa-Straße) in ein kleines Wohngebiet am Bach führt.

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Dessen fünfgeschossige offene Hofbebauung könnte nun gut auch in der Tschechoslowakei oder irgendwo zwischen Salzwedel und Irkutsk sein.

Aber am anderen Ende dieses Wohngebiets, an der großen Rákóczi út (Rákóczi-Straße), die von der Grenze heranführt, folgen auf einmal dreigeschossige Gebäude in einem eigenartigen historisierenden Stil.

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Grüner Putz, verschnörkelte gelbe Stahlbalkone, Satteldächer mit rustikalen Holzornamenten vor den Giebeln. Daß die Gebäude teils direkt an die fortschrittliche Bebauung anschließen und recht heruntergekommen sind, spricht dafür, daß sie tatsächlich aus der sozialistischen Zeit, den späten Achtzigern wohl, stammen müssen.

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Es ist eine gänzlich reaktionäre Architektur, wie sie in derselben Zeit im Westen populär war. In der Tschechoslowakei wäre sie undenkbar gewesen. Doch auch mit der reaktionären Architektur der späten DDR, die historisierende Ornamente auf Betonplatten klebte, aber zumindest etwas Eigenes sein wollte, haben diese ungarischen Gebäude wenig gemein. Eher würde etwas Vergleichbares, bloß mit Tiefgarage und besser erhalten, auch in, sagen wir, Bergen-Enkheim nicht überraschen. So weit, wie diese Bebauung von fortschrittlicher Architektur entfernt ist, so weit war Ungarn in den Achtzigern wohl auch bereits vom Sozialismus entfernt.

Wäre nicht das Wohngebiet daneben, wäre nicht das H-Hochhaus, man könnte an der Architektur des ungarischen Sozialismus verzweifeln. Kleiner Trost ist außerdem der runde und von einer hölzernen Kuppel abgeschlossene Bau der Kaufhalle des Wohngebiets.

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Seine unten überstehenden Holzbalken haben eine ähnliche Ornamentik, aber bei einem freistehenden Gebäude und im Kontrast zur fortschrittlichen Bebauung, ist das weit weniger schlimm. Falls es etwas Altem ähneln kann, dann einer Kirche. So bekommt das Wort Einkaufstempel einen neuen Sinn.

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Dennoch wünschte man sich, die Tschechoslowakei hätte das Versprechen des Namens eingelöst und gegenüber von Sátoraljaújhely wirklich ein Slovenské Nové Mesto oder gar ein Československé Nové Mesto, Tschechoslowakisch Neustadt, gebaut.

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