Fiľakovo

Im  Städtchen Fiľakovo in der südlichen Mittelslowakei bezieht sich alles auf die eine oder andere Weise auf die Burg. Dabei ist diese schon lange eine Ruine.

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Ihre Mauern sind aus dem roten Stein des Felsens, auf dem sie steht, und lassen sich kaum mehr von ihm unterscheiden. Auf beiden wächst Gras, beide überziehen graue Flechten. Bloß beim Eingang wurde seit dem folgenden Bild der großer Turm restauriert und mit hölzernem Wehrgang versehen, sonst ist alles Ruine.

Aus Bárta, Vladimír: Stredoslovenský kraj, Martin 1978

Ganz Fiľakovo scheint um diese Burg herum gewachsen zu sein. Die niedrigen Häuschen der ältesten erhaltenen Teile kauern sich im Westen und Süden um den Fels, als ob sie sich von ihr noch immer Schutz erhofften. Doch alles, was heute in Fiľakovo zu sehen ist, entstand erst seit dem 18. Jahrhundert, als die Burg bereits Ruine war. In ihrer Blütezeit im 17. Jahrhundert lag die Stadt etwas südlicher und war mit der Burg zwar genauso eng, aber viel gleichberechtiger verbunden, als man heute denken könnte. Von dieser Stadt, in der es protestantische und katholische Kirchen, aber auch Moscheen gab, blieb nichts übrig, nachdem sie im Jahre 1683 von einem ungarisch-türkischen Heer belagert und zerstört worden war.

Städtisch ist an den heutigen ältesten Gebäuden wenig, auch die Straßen haben kaum eine Struktur und sind teilweise nicht einmal gepflastert. Südlicher erst gibt es städtische Ansätze, vor allem das Rathaus, ein Bau aus dem Jahre 1912, also aus der späten ungarischen Zeit.

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Nicht uninteressant der große verglaste Saal an der Ecke, der nach gewellten Giebeln ein hohes Zeltdach mit verglaster Laterne hat. Es ragt bereits weit über die kleinen Häuser der Stadt hinaus, wie das zuvor abseits der Burg nur die Kirche tat. Diese ist ein typischer großer Barockbau mit seitlichem Turm und Klostertrakt.

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Etwas weiter südlich beginnt das heutige Zentrum der Stadt, das dem ungarischen Alten ein nicht nur tschechoslowakisches, sondern auch sozialistisches Neues gegenübersetzten will.

In seiner Mitte ist der große quadratische Námestie slobody (Freiheitsplatz). Er hat Wiesen, zwischen Pflanzenkübeln aus Beton aufgehängte Bänke,

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vor allem aber eine große freie Fläche mit rechteckigen Betonplatten in einem Raster aus schwarzen Pflastersteinen.

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Bestimmendes Gebäude soll das die Westseite einnehmende Dom kultúry (Kulturhaus) sein, doch es scheitert kläglich, weil es ein dermaßen nichtiger stalinistischer Bau ist, daß seine steinverkleideten Streben nicht einmal einschüchtern. An der südlichen Seite steht eine Schule und das nach dem hübschen Stadtwappen benannte Hotel Palma.

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Es zeigt dem Platz das vorgesetzte verglaste Obergeschoß seines Restaurants und das verglaste Treppenhaus in der Schmalseite des viergeschossigen Betontrakts, eine horizontale transparente Fläche neben einer vertikalen, verschwindet aber heute fast hinter Bäumen. Jenseits der Biskupická (Biskupicer Straße) an der Ostseite steht ein langes sechsgeschossiges Wohngebäude mit Läden im Erdgeschoß. Während man die Straße entlang auf die Kirche blickt,

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sieht man zwischen den Sechsgeschossern und achtgeschossigen Punkthäusern dahinter bereits wieder die Burg.

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Schließlich stehen quer zur Nordseite des Platzes drei siebengeschossige Gebäude. Grauer und roter Putz, Gitterbalkone, Flachdächer.

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Zwischen ihren Schmalseiten sind zweigeschossige Ladengebäude mit einer Verkleidung aus roten Kacheln, die durch flache Teile und Vordächern verbunden sind. Viele Durchgänge mit Schaufenstern führen in die Grünbereiche zwischen den Gebäuden und weiter Richtung Burg in die älteren Teile der Stadt.

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Gerade diese Bebauung schafft also wertvolle Verbindungen und ist zugleich ein ruhiger, souveräner Kontrapunkt zur blöden Monumentalität des Kulturhauses. Mit den dünnen Stützen der Vordächer ist sie ein kleines Stück Lijnbaan in der südslowakischen Provinz, aber eben nicht nur oberflächlich, sondern auch funktional. Flache Ladengebäude führten bis zur Straße und weiter diese entlang, wobei dort nun ein neueres Gebäude steht. Als Verbindungsglied zur Kirche dient das zweigeschossige Gebäude der Post. Auf dem schwarzen Stein ihres Treppenhauses sind eine rote Kreisfläche und auf dieser die silbernen Umrissen einer Taube, die einen Zweig im Schnabel trägt. Es ist nur ein kleines Kunstwerk, aber immerhin unendlich besser als die erschreckend banalen historistischen Skulpturen bei der Kirche.

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So gut, wie es sein könnte, sein müßte, ist dieses neue Zentrum nicht. Die Bebauung um den Platz bleibt zu zusammenhanglos, er selbst zu kahl. Aber im Vergleich zum erhaltenen Alten ist es dennoch viel, ja, es knüpft in seiner Lage klar an das Fiľakovo des 17. Jahrhunderts an. Daß Fiľakovo dank dem Sozialismus eine neue Blütezeit erlebte, ist eine einfache, aus seiner städtebaulichen Entwicklung abzulesende Tatsache. Es wird zum ersten Mal seit seiner Zerstörung 1683 wieder wirklich zur Stadt.

Außer dem Zentrum gab die Tschechoslowakei Fiľakovo ein weiteres großes Wohngebiet im Nordwesten.

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Es ist bloß ein geschwungenes Band aus neungeschossigen Gebäuden an der Straße Farská lúka (Pfarrwiese), hinter dem Schulen und Kindergärten angeordnet sind. Aber es ist gänzlich der Burg zugewandt.

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Hier sieht man die großen Möglichkeiten fortschrittlicher Architektur gerade in kleinen Städten wie Fiľakovo, wo nur zehntausend Menschen wohnen. Alt und Neu stehen sich direkt gegenüber, aber ohne Konflikt.

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Die Gebäude des Wohngebiets gehören in eine wahrhaft neue Welt. Völlig mühelos sind sie höher als das ungarische Rathaus, das einmal der Stolz der Stadt war. Ihre Bewohner sind geradezu auf Augenhöhe mit der Burg. Doch es bleibt leider eine Sichtbeziehung. Der Bereich dazwischen, wo ein über den kleinen Supermarkt hinausgehendes Wohngebietszentrum und gestaltete Grünflächen, ein Park, sein müßten, besteht aus einer von Trampelpfaden durchzogenen Wiese und den ärmlichsten Teilen der alten Bebauung.

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Fiľakovo ist dennoch insgesamt geradezu ein Lehrbuchbeispiel einer fortschrittlichen Stadtplanung. In der Mitte die Burg und die Altstadt. Südlich das neue Zentrum. Nordwestlich das Wohngebiet. Östlich die Bahnstrecke, hinter der Industriebetriebe liegen. Nördlich an der Bahnstrecke die kleine Station Fiľakovo zastávka (Fiľakovo Haltestelle), fast am Fuße des Felsens und nah am Wohngebiet. Südlicher und über die Železničná (Eisenbahnstraße) direkt mit dem Námestie slobody verbunden der größere Bahnhof Fiľakovo. Zwischen beiden ein großer Park, der beim großen historistischen Gebäude des Gymnasiums auf das Zentrum trifft. Rings um die zentralen Teile der Stadt, aber nicht zu weit gefächert, Einfamilienhäuser und Kleingärten. Was fehlt, sind wohlgestaltete Übergänge zwischen all diesen verschiedenen Elementen der Stadt. Doch selten sieht man sie so harmonisch verteilt wie hier. Die fehlenden Übergänge haben mehr mit der gegenwärtigen Zeit als der ursprünglichen Planung zu tun, aber das ist fast egal. Es wären nur kleine Eingriffe nötig und Fiľakovo wäre nicht nur auf dem Papier des Lehrbuchs, sondern auch in Wirklichkeit ein beinahe perfekter städtischer Organismus.

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