Luxus

Eine Villa in der Hohen Tatra – wer hätte das nicht gern? Oder wer sollte das nicht gerne haben wollen, wenn er um diese Möglichkeit wüßte?

Groß sollte sie sein, aber nicht zu groß, modern, aber nicht zu modern. Vielleicht ein steinverkleidetes Sockelgeschoß, das auf der einen Seite nur sehr niedrig, auf der anderen Seite dank der Hanglage aber hoch genug für zwei Garagen und die übrigen Wirtschaftsräume ist.

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Darüber zwei schmucklose weiße Geschosse mit hölzernen Rolläden vor den Fenstern und ein leicht überstehendes Dach, das nicht ganz flach ist, aber meist so wirkt. Vor dem höher am Hang gelegenen Eingang ein Windfang aus Glasbausteinen und ein halbrund schwebendes Vordach, darüber vor dem Treppenhaus wieder Glasbausteine.

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Hineinführend eine nur durch ein rundes Fenster mit einem X aus dünnen Eisenstreben verzierte Tür.

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Im Inneren ein Treppenhaus mit schnörkellosen Gittergeländern und hölzernen Handläufen.

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Genügend Zimmer an einem erschließenden Gang, darunter ein schwarzgekacheltes Bad mit Wanne.

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Als Herz des Ganzen im erhöhten Erdgeschoß ein großes Kaminzimmer mit – so viel Rustikalität muß sein, damit man sich trotz all der Modernität als Burgherr fühlen kann – Kassettendecken, dunkler Holzverkleidung und einem spitzbögigen Durchgang ins Nebenzimmer.

kaminzimmervilalimbastrbskepleso

Doch es soll ja nicht irgendeine Villa, sondern eine in der Hohen Tatra sein. Das Entscheidende ist daher die Lage. Man will einen guten Blick auf die Berge und ins Tal, aber auch gute Infrastruktur. Da bietet sich der auf 1350 Metern Höhe gelegene Ferienort Štrbské Pleso  geradezu an. Straßen, die elektrische Eisenbahn und die Zahnradbahn führen hinauf. Außer Berg und Tal gibt es auch noch den namensgebenden Bergsee, auf den man also ebenfalls blicken will. Damit ist die Lage für die Villa auch schon beinahe vorgegeben. Da die Stellen im Süden zwischen See und Hang von großen Hotels eingenommen sind, bleibt nur ein schmaler Grat im Westen oberhalb des Sees. Und wirklich, genau so eine Villa, die Vila Limba, steht an an genau dieser Stelle in Štrbské Pleso.

Der Blick über den See ist es, um den sich das Gebäude am meisten bemüht. In der südöstlichen Ecke ist ein leicht abgesetzter Teil, der nur den Sockel und das Erdgeschoß umfaßt.

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Aus ihm öffnen sich vom Kaminzimmer lange vertikale Fenster gen See.

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Oben aber ist eine Dachterrasse.

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Eine kleine Stufe führt aus dem Obergeschoß hinaus, über einen Teil spannt sich noch das auf einer runden Stütze ruhende Dach, dann trennt einzig das schon aus dem Treppenhaus bekannte Gittergeländer den Blick von der Umgebung. Das scheinbar flache Tal vor der Niederen Tatra liegt zur einen Seite,

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der See vor dem Gebirgspanorama auf der anderen Seite.

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Die Villa ist kein herausragender Bau. In den Dreißigern war dergleichen in einem entwickelten kapitalistischen Industriestaat wie der Tschechoslowakei absolut nichts Besonderes. Sie ist bestenfalls Durschnitt. Auf ihre Lage geht sie kaum ein. Eine wirkliche Dachterrasse etwa, die einen offenen Rundumblick bietet, wäre nicht nur naheliegend, weil alle doch Le Corbusier gelesen hatten, sondern ob der Lage fast zwangsläufig. Doch die Villa Limba ist die einzige. So durchschnittlich ihre Architektur, so einmalig ist ihre Lage und die entscheidet alles. Sie hat keine Nachbarn. Sie steht nah an Štrbské Pleso, aber weit genug abseits, um das Gefühl zu wecken, sie stehe wirklich verloren in der majestätischen Natur.

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Die Blicke von ihren Fenstern und ihrer Terrasse gibt es von keinem anderen Ort. Von keinem anderen Ort muß man sich bloß umdrehen, um entweder den See oder das Tal zu sehen. Sie hat etwas, was niemand anderes hat. Und das, das ist Luxus.

Wie die Bilder vielleicht erahnen ließen, steht diese einmalige Villa in der Hohen Tatra heute leer.

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Das ist nur richtig, denn für diese Art von Luxus kann im vom sozialistischen Massentourismus geprägten und vom kapitalistischen Massentourismus fortgeführten Štrbské Pleso kein Platz sein. Wohlgemerkt ist es aber der Kapitalismus, der diesen ihm ureigenen Bau verfallen läßt. Abzuwarten, ob es ihm gelingen wird, die Villa als einen Ort uneinholbarer Exklusivität wiederzubeleben und zu vermarkten. Der Sozialismus hätte gut daran getan, sie als Aussichtspunkt und eine Art Museum der ersten tschechoslowakischen Republik zu gestalten. Gegenwärtig steht ihre Tür jedem, der gerne eine Villa in der Hohen Tatra hätte, offen.

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