Den Helder

Den Helder ist eine Hafenstadt an der nördlichsten Spitze von Noord-Holland, genau dort, wo einst die umschlossene Zuiderzee (Südmeer) auf die offene Nordsee traf, genau dort auch, wo das holländische Festland endet und mit Texel die westfriesischen Inseln beginnen. Die gleichsam natürliche strategische Bedeutung dieser Lage machte es nur naheliegend, dass Napoleon östlich des Dorfs Helder ab 1810 einen großen Kriegshafen anlegen ließ, der sich später zum wichtigsten der Niederlande entwickelte. Bis ins späte 19. Jahrhundert bestand Den Helder aus diesem Hafen und dem alten Dorf. Nur langsam wuchsen die beiden Teile zusammen. Daß genau zwischen ihnen 1865 auch der Bahnhof errichtet wurde, half dieser Entwicklung zu Anfang, wurde dann aber zum großen Hindernis, da die Gleisanlagen die entstehende Stadt zerteilten. Das Zentrum von Den Helder verlagerte sich derweil vom Dorf zum Hafen.

Vom alten Dorf mit seinen hölzernen Häusern finden sich keine Spuren mehr, da es im zweiten Weltkrieg von englischen Bomben beschädigt und dann von den Deutschen abgerissen wurde.  Von der Stadt des 19. Jahrhunderts sind noch Grundzüge zu erkennen, wobei sie schwer städtisch zu nennen sind. Eher ist sie eine Ansammlung von niedrigen backsteinernen Reihenhäusern. Es gibt keinen Platz, keine größeren Straßen. Bloß eine umlaufende Gracht (Kanal) schafft etwas Struktur und dort sind auch einige wichtigere Gebäude wie Schulen und Kirchen. Daß eine der Kirchen dem Eingang des Kriegshafens gegenüberliegt, muß schon als städtebauliche Leistung gelten.

Heute ist Den Helders Bedeutung geringer. Aus der Zuiderzee wurde durch den Bau des Afsluitdijk (Abschlußdeichs) das IJsselmeer (Ijsselsee). Aus dem alten Kriegshafen wurde ein Museum. Zwar ist der weit größere neue Kriegshafen noch immer wichtigster Stützpunkt der niederländischen Marine, aber in Europa herrscht relativer Friede. So ist Den Helder heute vor allem Durchgangsort für den hier die Fähre erreichenden Verkehr nach Texel, einer ganz von deutschen Touristen und Schaftzucht geprägten Insel.

Doch Den Helder hat auch, leicht zu übersehen, ein neues Zentrum aus den sechziger Jahren, das von Seekrieg oder auch nur vom Meer nichts mehr weiß. Ans 19. Jahrhundert erinnert dort nur noch ein großer Wasserturm aus Backstein. Um Platz für das Zentrum zu schaffen, wurden zuerst der Bahnhof samt einigen hundert Meter Gleis abgebrochen und ein neuer Bahnhof weiter südlich erbaut. Dieser wurde dadurch zum Mittelpunkt des Zentrums.

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Ein kleiner Bau nur, der quer zum Ende des einzelnen Bahnsteigs steht. Seine verglaste Mitte ist betont durch die leicht spitz nach vorne verlaufenden Wände und die von beiden Seiten ansteigenden Betonfalten des Dachs, während der Rest ganz aus Backstein besteht. Das Innere der Bahnhofshalle ist zusätzlich transparent durch runde Oberlichter im Dach, gerade so, als wollte das Gebäude den Weg vom Zug in die Stadt so wenig wie nötig versperren.

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Zum Bahnhof gehört außerdem ein Uhrturm, der rechts auf dem offenen Vorplatz steht. Er besteht aus einer dicken Betontrebe in der Mitte und drei schräg zu ihr gesetzten schmaleren ringsum, die untereinander in regelmäßigen Abständen durch Längsbalken verbunden sind. Die vertikalen Teile sind weiß, die horizontalen Hellblau und die Uhr im oberen Teil hat ein rundes Ziffernblatt mit goldenen Zeigern und Strichen.

Alle weiteren Teile des Zentrums gehen vom Bahnhof aus. Nach dem Vorplatz verläuft quer eine Straße, während sich gegenüber ein weiterer rechteckiger Platz öffnet. Die städtebauliche Funktion des Bahnhofs ist damit klar: Es ist die einer Kirche. Und in der Tat gibt es Kirchen aus den Sechzigern, die genau wie der Bahnhof von Den Helder aussehen.

Nach links führt die Straße als Middenweg am Wasserturm vorbei auf einen Platz mit Kreisverkehr. Beiderseits des Julianaplein (Julianaplatzes) stehen fünfgeschossige Gebäude, meist Wohngebäude, mit Läden im Erdgeschoß.

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Entlang der nach rechts führenden Beatrixstraat (Beatrixstraße) setzt sich die Bebauung in derselben Höhe fort, wird aber rasch niedriger. Gleich bei ihrem Anfang steht mit dem Kaufhaus Vroom & Dreesmann das vielleicht wichtigste Gebäude des neuen Den Helder. Es könnte das typischste Provinzkaufhaus aus den Sechzigern sein: Schaufenster im Erdgeschoß, Verkleidung aus vertikalen weißen Betonplatten, hinter denen ein oder zwei Geschosse sein mögen.

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Aber es gibt ein weiteres Geschoß, in dem unter einem spitz auf- und absteigenden Dach aus dünnem Beton Wohnungen sind. Diese Verbindung von Kaufhaus und Wohnungen, die mit Blumen auf ihren Loggien so heimelig wie überall wirken, überrascht, wirkt aber gelungen. Außerdem steht vor dem Kaufhaus ein zweites, viel kleineres Gebäude. Auf einer einzigen runden Stütze ruht ein wie schwebender ovaler Raum mit Fensterband, aus dessen Dachmitte eine hohe Stange ragt.

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Fremdartig, wie der Funkturm einer Mondkolonie vielleicht, steht dieses da. Doch ein schmaler Trakt verbrindet es mit dem Obergeschoß des Kaufhauses, das hier ebenfalls ein Fensterband hat: es ist Teil seines Restaurants. Mit diesem schwebenden Gebäude schwingt sich die nordholländische Provinz in die Zukunft, in den Weltraum auf. Noch mehr als der Bahnhof ist es Symbol des neuen Den Helder des 20. Jahrhunderts, ganz wie der Wasserturm, zu dem es die Straße entlangblickt, Symbol des 19. Jahrhunderts war.

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Es gewinnt seine Wirkung gerade durch den Kontrast zu den zurückhaltenden Formen nicht nur seines Kaufhauses, sondern der gesamten übrigen Bebauung.

Viel näher als symbolisch kommt dieses Den Helder der Zukunft auch nicht. Es schafft keine neue Stadt. Es ist keine Lijnbaan. Zwar ist der Platz parkartig grün. Zwar beginnt die Fußgängerzone Spoorstraat (Gleisstraße) nördlich des Platzes mit erst ein-, dann zweigeschossigen lijnbaanartigen Ladenzeilen und war früher von lijnbaanartigen Vordächern überspannt.

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Zwar spielt die Blokker-Filiale mit Wabenmustern im Beton Bijenkorf.

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Zwar wurden erst seit den Achtzigern viele freie Ecken zugebaut. Doch grundsätzlich: Platz, Straße, Blockrandbebauung, Kirche/Bahnhof freistehend – es ist eine Stadt des 19. Jahrhunderts in den Formen des 20. Einen Kinoeingang wie den des Rialto etwa gab es in jeder City jeder kapitalistischen Stadt.

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Und auch die Zeit, da man in dem schwebenden Gebäude etwas essen und sich der Zukunft nahe fühlen konnte, ist vorbei, da die Kaufhauskette Vroom & Dreesmann Ende 2015 konkurs ging.

Dennoch kam Den Helder in den letzten zweihundert Jahren weit. Vom Deich aus betrachtet ragen die Bauten des neuen Zentrums wie Hochhäuser aus dem Backsteinmeer.

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