Maria im Kino

Wie wenig es braucht, damit ein schöner und wiedererkennbarer Ort entsteht! Eine kleine Grünanlage in Pardubice, Bratranců Veverkových (Straße der Vettern Veverka), irgendwie zwischen einer kleinen gotischen Kirche, einem k.u.k. Schulklotz und einer Einkaufspassage, nichts besonderes. Doch ein Kunstwerk und ein architektonisches Kleinod genügen, um etwas daraus zu machen.

Zuerst eine barocke Marienplastik – ihr schlanker Körper zart aus dem Faltenwurf ihres Kleids, dessen Schnürung ihre Brust betont, emporwachsend, leicht zurückgelehnt, mit geöffneten Armen unendlich einladend dastehend und auf ihrem Gesicht ein Lächeln von großer Schönheit.

MariaBratrancůVeverkovýchPardubice

Angeblich soll diese Art der Mariendarstellung, eine Marie Karlovská, Maria schwanger zeigen, doch das würde man nie ahnen. Trotz dem vielsternigen Heiligenschein, der ihr aus dem Nacken wächst wie Antennen aus dem Kopf eines Marsmenschen, hat nichts an dieser Maria mit Religion oder Spiritualität zu tun, sondern nur mit völlig irdischer zärtlicher Liebe.

Am anderen Ende der Grünanlage steht am Anfang einer Häuserflucht aus der ersten Republik ein 1932 errichtetes Kino.

KinoJas70BratrancůVeverkovýchPardubice

Es ist vor allem eine hohe, fast leere Wandfläche, die rechts als pure Form beginnt, oben abgerundet und mit rundem Loch, sich nach links hin als freischwebender Streifen über den Saal legt und sich dann nach einem Schwung nach hinten und unten in dessen Seite fortsetzt. Davor ist rechts im zweiten Geschoß eine quadratische Terrasse und links daneben über den Eingangstüren ein gänzlich verglaster Foyerbereich, dessen Ecken leicht abgerundet sind. Weiter nach links sind weniger markante Bauteile vorgesetzt. Rechts ist über der Terrasse eine Leuchtreklame mit dem Namen des Kinos. Es heißt Jas 70, eine Verbindung des tschechischen Worts für Glanz und dem hochqualitativen 70-mm-Film, den es abspielen konnte. Kleingeschrieben und rot, das j länger und as und 70 verbindend, ist der Schriftzug ein wirkliches Logo. Die große leere Wand ist gleichsam die Leinwand, auf die Terrasse und Foyer als die eigentlichen Formen dieses Kinobaus gesetzt und noch um das Logo ergänzt sind.

Heute steht das Kino leer, keine Paare können mehr aus einer Vorstellung kommend am zärtlichen Lächeln der Maria vorbei zur Trolleybushaltestelle gehen. Aber ein schöner Ort bleibt es dank Staue und Kino doch, denn es braucht eben so wenig.

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